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Hugh Fearnley- Whittingstall: Täglich Früchte. 160 Rezepte, pikant und süß.

König der Obstbauern

Klar, hier bin ich voreingenommen. Dieses Jahr habe ich 40 kg Sauerkirschen und 30 kg Süßkirschen geerntet. Plötzlich merke ich, wieviel Obst auf meinen Obstwiesen wächst. Wer nicht nur Kirschmarmelade haben möchte, liest bei Hugh Fearnley- Whittingstall nach. In Täglich Früchte. 160 Rezepte, pikant und süß gibt der bekannte Gastronom viele Anregungen, die über Saft und Marmelade hinaus gehen.

Früchte sind immer toll. Sie schmecken am besten roh, vom Baum oder Strauch und die sonnengereifte Süße betört jeden Gaumen. Es geht nichts über eine Handvoll Erdbeeren oder eine Aprikose, die vor reifer Süße freiwillig vom Baum fällt. Hält sich die Ernte in überschaubaren Grenzen, ist dies der beste Weg, Früchte zu genießen. Für alle anderen Möglichkeiten gibt es nun ein neues Buch.

Süße Früchtchen

Hugh Fearnley-Whittingstall vergisst in seiner Abhandlung nichts. Von Sommerbeeren über Rhabarber, bis hin zu Steinobst, Äpfeln, Wildfrüchten, Südfrüchten und Trockenobst widmet er allen Obstsorten ein Kapitel. So kommt es, dass Täglich Früchte ein relativ umfangreiches Buch ist. Das Prinzip darin ist aber einfach: Früchte schmecken immer. Natürlich auch auf Tartes und anderen Kuchen, deshalb findet man auch diese Rezepte im Buch.

Aber eben auch im Salat, zum Braten, im Brot und so weiter. Chutneys und Saucen bekommen durch Früchte eine ganz eigene Würze, auch mit Frischkäse, Speck und Bohnen lassen sie sich gut kombinieren. Zu jedem Kapitel gibt es eine ausführliche, persönliche Einführung, so dass es auch einfach lohnt, Täglich Früchte zu lesen. Hugh Fearnley – Whittingstall ist sich nicht zu gut für klassische Rezepte wie ein wundervolles Himbeersorbet, aber natürlich sind es Schätze wie ein »Kaninchen-Rillette mit Stachelbeer – Relish«, die sofort Lust aufs Kochen machen.

Deftige Obstvariationen

Eigentlich muss man nur ein bisschen umdenken und aufhören, Obst als Süßigkeit zu begreifen. Steckt man seinen Kopf in die Welt hinaus, wird man schnell entdecken, dass in Asien, im Orient oder in Südamerika viel öfter deftig mit Früchten gekocht wird. Die Melone mit Schinken hat es sogar in unsere Breitengrade geschafft. Als niederbayerische Mama kenne ich viele süße Hauptgerichte, Mehlspeisen, die aus der böhmischen und österreichischen Tradition stammen. Ich könnte Whittingstalls Ausführungen hier ergänzen.

Toll finde ich auch die Wildobst- und Trockenobstrezepte am Ende des Buches. Sie sind vor allem für Menschen gedacht, die keinen uneingeschränkten Zugang zu Früchten haben. Für mich ist Dörren oft eine tolle Möglichkeit, Sommerobst wie Kirschen haltbar zu machen. In Wein eingelegt lassen sich daraus tolle Bratensaucen zaubern. Gleichzeitig lerne ich auch gute englische Küche mit den vielen Puddings und gedämpften Fleischgerichten kennen. Das »River Cottage«-Team ist bekannt für seinen nachhaltigen und experimentellen Kochstil. Früchte in unseren täglichen Ernährungsplan mit einzuplanen, ist das neue Verdienst des Teams rund um Hugh Fearnley-Whittingstall.

Titelangaben:

Hugh Fearnley- Whittingstall: Täglich Früchte. 160 Rezepte, pikant und süß.

Aus dem Englischen von Susanne Bonn.

Aarau: AT Verlag, 2017. 416 Seiten. 28 €.

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Ernst Peter Fischer: Das Große Buch der Physik.

Willkommen in unserem Universum

Ernst Peter Fischer gelingt es mit Das Große Buch der Physik meisterhaft, interessierten Laien einen populärwissenschaftlichen Zugang zu physikalischen Grundlagen und deren Auswirkungen auf unser aller Leben zu geben. In dem prunkvollen Band aus der Edition Fackelträger werden, umrahmt von berauschenden Fotografien und Grafiken, physikalische Phänomene verständlich erklärt. Sämtliche Begriffe und Teildisziplinen, von der Energie bis zur Plasmaphysik, werden auf knapp dreihundert Seiten vorgestellt und in einen Zusammenhang gebracht.

Physiker werden nur müde lächeln ob Fischers Bemühungen, die Welt der Physik praktisch allen zugänglich zu machen. Doch der Professor für Physik, der sich auf die Wissenschaftsgeschichte spezialisierte und unter anderem in Heidelberg und Konstanz lehrte, ist bekannt für seine ausgezeichneten publizistischen Leistungen. In Das Große Buch der Physik macht er sich auf, vielen Menschen auf äußerst ästhetische Weise die Angst vor dem Unbekannten zu nehmen.

Symbiose von Theorie und Praxis

Physik ist ein wunderbares Beispiel für das anschauliche Zusammenwirken von Theorie und Praxis. Seit tausenden von Jahren beschäftigen sich Denker mit den Phänomenen der sichtbaren und unsichtbaren Welt und versuchen, die Beobachtungen in Denkmodellen der Physik zusammenzufassen. Entsprechend begibt sich der Wissenschaftshistoriker Fischer auf eine Zeitreise und teilt sein Buch über Physik in drei große Teile: Die Grundbegriffe, klassische Physik bis zur Quantenmechanik und schließlich moderne physikalische Strömungen mit ihren großen Rätseln für unsere Zukunft.

Dabei richtet sich der ästhetische, große Bildband an jene interessierten Leser, die zu Schulzeiten an der Physik vielleicht sogar gescheitert sind, bzw. froh waren, nach Ende der Schulzeit mit solch komplexen Phänomenen nichts mehr zu tun zu haben. Entsprechend umfangreich ist auch der Teil des Buches, der sich den Grundbegriffen widmet, die geklärt sein wollen, bevor es der Relativitätstheorie an den Kern geht.

Reise durch die Wissenschaftsgeschichte

Was ist eigentlich Energie? Viele gängigen physikalischen Grundbegriffe wurzeln in den Denkmodellen der Antike, sowie zum Beispiel Aristoteles den Begriff der Energie, »energeia« geprägt hat. Energie ist dann die Aufwendung, die ein Individuum einsetzen muss, um eine Möglichkeit auszuführen. Es brauchte aber erst den Umweg über den Gedanken der Kraft, der auf Newton zurückgeht, sowie die Entwicklungen der industriellen Revolution, bis der bahnbrechende Gedanke der »energeia« des Aristoteles in die Lehre aufgenommen wurde.

Anekdotenhaft und charmant führt Fischer die Leser durch das Universum der Physik. So vieles wird vermittelt, »Atom«, »Quantum«, »Elementarteilchen« und das Standardmodell der Physik. Fischer strengt sein Publikum an, er fördert nicht nur das Verständnis der Wissenschaft, er fordert auch das Verstehen ein. Während er nonchalant über Komplementarität plaudert, sich wundervolle Wissenschaftsfotografien und Grafiken durch den Bildband schlängeln, wird immer wieder nebenbei eine Formel erklärt und niedergeschrieben.

Wunder erkennen

Dabei umgibt sich Fischer nicht mit den Insignien eines dünkelhaften Gelehrten. Ihm ist klar, dass seine realitätsverhafteten Leser erst einen Zugang zur Thematik brauchen, der sich bei Mechanik und Elektrodynamik noch rasch finden lässt, aber spätestens bei den Relativitätstheorien und der Quantenmechanik dem Alltagsverständnis entzieht. Ohne Arroganz zeigt er auch die Grenzen der Wissenschaft auf, die eigentlich ja die Welt erklären will und doch immer wieder erkennen muss, wie sehr sie erst am Anfang der Welt steht.

Entsprechend komplex gestaltet sich der Teil über moderne physikalische Denkansätze, von Astrophysik über Geophysik bis hin zur Kosmologie und zur Tieftemperaturphysik. Hier gibt es nichts final zu erklären, es kann nur ein Tor aufgestoßen werden zu einem Universum voller Rätsel und Wunder. Dennoch gelingt es Fischer, anhand von Beispielen wie dem CERN oder gerade der Geophysik mit der Darstellung des irdischen Planeten konkrete Bezüge zur Wirklichkeit zu schaffen. Nicht, dass man nach der Lektüre ein Physikstudium in Angriff nehmen könnte. Doch zu verstehen und hochzuachten, dass es Menschen gibt, die sich den Rätseln des Universums kreativ stellen, ist eine Erkenntnis, die man nach der spannenden Lektüre von Fischers Das Große Buch der Physik durchaus gewinnen kann.

Titelangaben:

Ernst Peter Fischer: Das Große Buch der Physik.

Köln: Fackelträger Verlag, 2017. 320 Seiten. 40 EUR.

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Andy Standing: Aus einem Brett. Einfache Holzprodukte.

Aus einem Holz geschnitzt

Andy Standing hat in Aus einem Brett. Einfache Holzprodukte in eindrücklicher Weise klar gemacht, dass Kreativität oftmals gar nicht viel braucht. Um Wundervolles und Nützliches herzustellen, genügen manchmal ein Brett und eine Werkstatt. Wer zufällig ein Brett daheim herumliegen hat – und wer hat das nicht – kann mit den Bauplänen von Standing einfache Dinge für Haus und Garten schnell herstellen und erhält einzigartige Unikate.

Geht es Euch nicht auch so? Holz ist besonders. Sofort bekommt die Umgebung einen warmen Glanz, Holz wirkt irgendwie nie schmuddelig und immer sauber, man fasst es gerne an und fühlt sich wohl und wie zuhause. Ach ja. Klar sollte sein: Für mich ist dieses Buch gar nicht gedacht. Ich habe viele Hobbies, aber die Holzarbeit ist es nicht. Dafür denke ich ganz fest an meinen Mann bei diesem Buch, denn einige der Projekte finde ich wirklich nicht nur praktisch, sondern auch schön.

Schön und nützlich

Andy Standing weiß genau, was wichtig ist. Und für mich ist das im Moment nicht noch mehr Krempel sondern lieber Dinge, die ich viele Jahre benutzen werde. Wenn Standing also Baupläne liefert für Wäscheständer, Werkzeugkisten, Bücherregale und Schuhständer, dann finde ich das super. Sauber und ordentlich sehen die Dinge aus, schnörkellose Designs, die sich auf das Wesentliche beschränken.

Während ich Schirmständer und Lampenfuß aus Holz plump finde und nicht mag, hat es mir besonders das Weinregal und das Schuhregal angetan. Alles fliegt in diesem Haus durcheinander und Standings Pläne sehen so übersichtlich aus, dass sie sich wahrscheinlich variieren lassen. Großer Nachteil für Anfänger: Man braucht Werkzeug und zwar gutes. Wer also keine Werkstatt hat und weder über eine Kappsäge noch über einen Bandschleifer verfügt, der wird sich schwer tun.

Gute Ideen für Hobbyschreiner

Selbst, wenn die Entwürfe einfach gehalten sind, sollte man für Standings Pläne mehr sein als ein blutiger Anfänger. Schließlich sollen die Werkstücke, ob nun Regale, Messerblock, Wannenablage oder Tritthocker, lange halten und nicht nach Murks aussehen. Andy Standing hat damit ein ideales Buch für alle Hobbyholzarbeiter geschrieben, die bereits über eine gut ausgestattete Werkstatt verfügen und nun nur noch die passenden Ideen brauchen. Hier kommen sie!

Titelangaben:

Andy Standing: Aus einem Brett. Einfache Holzprodukte.

Übersetzt von Susanne Englmayer.

Münster: LV Buch, 2017. 176 Seiten. 20 EUR.

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Malin Landqvist: Marmelade, Saft & Sylt. Bullerbü im Glas.

Alles Gute kommt von Obst und Beeren

Malin Landqvist hat alle Begehrlichkeiten, die es jemals geben kann, bei mir aktiviert. In Marmelade, Saft & Sylt. Bullerbü im Glas wird schwer danach getrachtet, eine kochsüchtige Obstwiesenmama wie mich richtig glücklich zu machen. Ich liebe Bullerbü, Beeren und Obst. Und obwohl ich zuerst gedacht hatte, ich hätte ein wundervolles Geschenkbuch zur Rezension erhalten, kann ich jetzt sehr deutlich sagen: Nö. Nix da. Dieses Buch bleibt. Bei mir.

Ganz klar: Es gibt wiedermal nicht viel zu rezensieren. Für mich gerade wunderbar, da mein buntes Leben mir viel abfordert. Und doch Zeit zum Träumen lässt. Was werde ich diesen Sommer nicht alles kochen. Landqvist kocht sehr professionell ein, das schließt die Zugabe geringer Mengen von Konservierungsstoffen mit ein. Das muss ich nicht machen, aber ich finde es interessant, zu lernen, was ich beim hygienischen Abfüllen beachten muss.

Anleitung zum Genießen

Der Rezeptteil ist wundervoll. Meist hat man an Utensilien sowieso schon alles zuhause. Wer hat nicht bereits einmal Marmelade eingekocht? Es ist alles keine Hexerei. Nur Sylt kannte ich nicht. Dank Landqvist hat meine Speisekarte nun eine Erweiterung erfahren dürfen. Sylt ist ein wenig konserviertes Zwischending aus Saft und Konfitüre. Meist wird es zu Hauptgerichten als Soße gereicht, wir alle kennen es aus Preiselbeeren, die zu Hackbällchen genommen werden.

Manche Beerensorten, die Landqvist einkocht, kenne ich nicht und ich frage mich, ob sie vielleicht nur in Skandinavien vorkommen. Doch ansonsten folgen die Rezepte dem Jahreslauf. Als erstes wird Rhabarber eingekocht, zu Saft und Marmelade, dann folgen Erdbeeren, Himbeeren, Holunder und so weiter. Nicht immer sind die Rezepte revolutionär und vieles kennt man schon. Landqvist verwendet aber z.B. keinen Gelierzucker, schon interessant, wie dann das Rezept abgeändert werden muss.

Originelles aus konservierten Früchten

Wenn Erdbeersaft roh gerührt wird oder immer aus jeder Frucht Sylt gekocht wird, dann finde ich diese Rezepte wirklich bereichernd. Erdbeercreme, Erdbeerdrink, marinierte Erdbeeren, oft wird die Frucht mehrfach variiert zubereitet. Walderdbeeren in Rotwein, Himbeeressig, Johannisbeerdrink aus den Blättern und natürlich tausendfach unser geliebter Apfel. Kein Wunder, dass ich das Gefühl habe, ohne dieses Buch nicht den Sommer überstehen zu können.

Wer wie ich eine Obstwiese besitzt oder einfach seinen Beerengarten liebt, der freut sich immer über neue Ideen zur Verwertung von Obst und Beeren. Genau das bietet Malin Landqvist. Die paar Rezepte, die ich schon kenne, atme ich einfach weg. Der Rest wird dieses Jahr genau so gekocht. Ich blicke also mit Sehnsucht auf die Knospen meiner Obstbäume und hoffe sehr, dass alle Blüten, die ich jetzt dort sehe, sich zu leuchtenden Früchten entwickeln. Für Marmelade, Saft & Sylt.

Titelangaben:

Malin Landqvist: Marmelade, Saft & Sylt. Bullerbü im Glas.

Übersetzt von Elke Adams.

Münster: LV-Verlag, 2017. 96 Seiten. 14,95 EUR.

 

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Rudi Beiser: Vergessene Heilpflanzen. Botanik, Volksheilkunde, Anwendungen.

Wunderkraft auf der Wiese

Rudi Beiser beschäftigt sich seit fast vierzig Jahren mit der Kräuterheilkunde. In Vergessene Heilpflanzen. Botanik, Volksheilkunde, Anwendungen stellt er allen Interessierten Wildkräuter vor, die jeder mehr oder weniger kennt und die in unserer Zeit teils als Unkraut verschrien sind. Dabei konzentriert er sich auf die Kräuter und deren Wirkstoffe, Rezepturen überlässt er lieber den Lesern und Teeköchen.

Beisers Analyse hat einen Haken, der vielleicht keiner ist: er stützt sich in seinen Ausführungen zum einen auf alte Pflanzenbeschreibungen, zum anderen auf Studien aus aussereuropäischen Ländern. Dies sei vorausgeschickt, bevor man sich an die Lektüre zur Heilkraft von Blutweiderich, Dost, Ehrenpreis, Gierch, Gundermann, Wilde Möhre oder Portulak macht. Beiser begründet seine Herangehensweise natürlich und sie ist tatsächlich nicht unlogisch.

Heimische Superfoods

Eigentlich ist Beisers Buch ein Gegenentwurf zum Hype der internationalen Superfoods. In Zeiten, in denen natürliche und gesunde Ernährung en vogue ist und viele Menschen versuchen, chemische Medikamente mit natürlichen Heilmitteln zu ergänzen, erleben plötzlich Pflanzen wie Chia, Flohsamen, Umkaloabo oder Echinacea einen Hype. Beiser hat dafür eine einfache Begründung: Seltenheit.

Seiner Ansicht nach lohnt es für Pharmakonzerne nicht, die kostenintensiven Studien für Pflanzenmedikationen zu finanzieren, die für jedermann am Wegrand kostenlos erhältlich sind. Das macht die Pflanzen aber nicht weniger wirksam. Dagegen wird an den medizinischen Fakultäten in Rumänien, der Türkei, Russland, Indien, Syrien und China fleissig zu Arzneien geforscht, die jedermann selbst herstellen kann in Gebieten, in denen eine medizinische Grundversorgung nicht erreicht werden kann.

Oldie but Goldie

Er beschränkt sich daher nicht nur auf solche moderneren Forschungen sondern durchforstet auch die alten Schriften der Griechen, des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Dioskurides, der Kräuterarzt, kommt dabei genauso zu Wort wie Hildegard von Bingen. Und Reiser stellt erstaunliches fest: viele der alten Rezepturen und Analysen decken sich mit den modernen Studien. Gerade bei entzündungshemmenden Wirkstoffen oder fiebersenkenden Mitteln gibt es so einfache Alternativen zur herkömmlichen Medizin.

Die meisten Wildkräuter Beisers sind gleichzeitig alte Küchekräuter, die früher in Gemüsegärten kultiviert wurden, wie Portulak und Vogelmiere. Vergiftung und Fehlanwendung sind damit kaum zu befürchten, im schlimmsten Fall hilft der Salat nicht, wie er sollte. Für Tees und Tinkturen stellt Beiser ein Grundrezept vor, doch meist reicht es, die frischen Wildkräuter zur passenden Erntezeit einfach unters Abendessen zu mischen. Ist das nicht eine vortreffliche Heilmethode?

Titelangaben:

Rudi Beiser: Vergessene Heilpflanzen. Botanik, Volksheilkunde, Anwendungen.

Aarau: AT Verlag, 2016. 240 Seiten. 29,95 EUR.

Kunst und Handwerk, Upcycling

Unikate, Upcycling, Handarbeit, Kunsthandwerk, Schmuck

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Isabelle Bruno, Christine Baillet: Müll 2.0. 70 kreative Projekte aus Recyclingmaterial

Pinnwand geknackt!

Hilfe! Genau so fühle ich mich, wenn ich Isabelle Brunos und Christine Baillets Müll 2.0. 70 kreative Projekte aus Recyclingmaterial in den Händen halte. Ich wurde ertappt, mein Pinterest Account wurde vom Haupt – Verlag gehackt und nun sehe ich alles, was ich bereits vorgemerkt hatte, in Buchform vor mir auf dem Tisch liegen. Das ist meine Chance, endlich alle die Projekte anzugehen, die bisher auf meinem virtuellen Moodboard gespeichert sind.

Die Autorinnen haben die Projekte in Schwierigkeitsstufen gegliedert. Je nach der persönlichen Einschätzung dürfen hier »Einsteiger«, »Bastler«, »Könner« und »Profis« tätig werden. Es versteht sich von selbst, dass auf dem Einsteigerlevel jeder, der mag, werkeln kann, während die Profis dann schon Zugang zu einem Werkraum brauchen. Entsprechend ist auch die Differenz in der Produktqualität, von banal – Blechdosen werden zu Pflanzgefäßen umgemodelt – bis hin zu aufwändig, wenn z.B. Paletten zu einem Kinderschaukelbett umgebaut werden.

Anregendes Fotoalbum

Tatsächlich scheinen die Autorinnen auch wirklich auf die gleichen Internetseiten gekuckt zu haben wie ich selbst. Das zeigt mir zum Einen, wie klein die Welt ist, zum Anderen, wie gut ich selbst mittlerweile informiert bin und schließlich auch, dass die tatsächlichen Durchführungsmöglich-keiten oftmals endlich sind. Die Monsterutensilos aus Shampooflaschen mache ich gern, auch die Trophäen und Masken aus Waschmittelflaschen habe ich schon gebastelt.

Spielzeug aus Karton, Traumfänger aus alten Bechern, Besteckhalter aus Dosen. Die Autorinnen geben die Internetseiten mit den Originalanleitungen stets an, so dass das Urheberrecht gewahrt bleibt. Tatsächlich frage ich mich, wozu ich dann ein Buch brauche, denn alle Ideen aus den Weiten des Web sind im selbigen zu finden und die Anleitungen oft kostenlos. Hier zeigt sich die Widersprüchlichkeit des Buches, denn Isabelle Bruno und Christine Baillet vermarkten die Projekte anderer.

Nachbau schwierig

Manchmal ärgert mich auch die Anleitung, wenn z.B. ein komplexer Sessel aus Karton gebaut wird und alle Maßangaben fehlen und nur lapidar geschrieben wird, man solle die Maße in ein CAD – Programm eingeben. Ich habe viele Bücher zu Arbeiten mit Karton und sie alle haben genaue Maßangaben. Es ist also möglich. Viele Projekte von den Könnern und Profis kann ich nicht nachbauen, weil ich kein CAD-Programm habe.

Die Fotos der Autorinnen gleichen denen im Web auf eine Weise, dass ich mir ziemlich sicher bin, dass sie nicht versucht haben, die Projekte selbst nachzubauen. Im Endeffekt haben sie eine Art Fotoalbum oder Upcycling – Katalog herausgegeben, der all jenen nützt, die die Projekte gerne ansehen und auf einem Fleck haben wollen. Für Bastler und Heimwerker ist das Buch einfach nicht notwendig. Vom hübschesten Projekt, der PET- Lampe vom Titelbild, gibt es nur eine halbseitige, nicht bebilderte Anleitung. Ein Nachbau wird damit fast unmöglich.

Titelangaben:

Isabelle Bruno, Christine Baillet: Müll 2.0. 70 kreative Projekte aus Recyclingmaterial

Aus dem Französischen von Eva Korte.

Bern: Haupt Verlag, 2017. 192 Seiten. 24,90 EUR.

 

Kunst und Handwerk, Upcycling

Unikate, Upcycling, Handarbeit, Kunsthandwerk, Schmuck

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Buchfreude am Freutag!

Sonja Buchhop: Kulinarische Weihnachtsreise. Festtage in heimischen Länderküchen.

Weihnachten kann kommen!

Das wirklich Sympathische an Sonja Buchhops Kochbuch Kulinarische Weihnachtsreise. Festtage in heimischen Länderküchen ist die Tatsache, dass man auf ziemlich authentische Art und Weise in hiesige Küchen schauen darf und sich dran freuen kann, wie individuell Menschen in diesem Land Weihnachten mit ihren Lieben feiern. Sie hat es wirklich geschafft, aus jedem Bundesland jemanden zu finden, der Haus und Hof für sie geöffnet hat und sich in die Kochtöpfe gucken ließ.

Es ist auch der talentierten Food-Fotografin Indra Kaldewey zu verdanken, dass die teils sehr traditionellen Rezepte so schön in Szene gesetzt sind. Weihnachtsliebhaberin Sonja Buchhop hat viele verschiedene Menschen besucht und zu ihren Weihnachtstraditionen befragt. Zu den illustren Protagonisten gehören eine Biersommelière aus Baden Württemberg, eine Cafébesitzerin aus Bayern, Foodtrucker aus Nordrhein-Westfalen, eine Foodfotografin aus Niedersachsen, eine Weinkönigin aus Rheinland-Pfalz, eine Kräuterfrau aus Brandenburg und ein Chefkoch aus Mecklenburg – Vorpommern. Zusammen mit vielen anderen ist eine faszinierende Kochtopfschau entstanden.

Lust auf Heimat

Was am stärksten beeindruckt ist die Tatsache, wie schön unser Land doch ist, wie erstaunlich und unterschiedlich die Menschen und ihre Geschichten. Fernab von allen Klischees, die man mit bestimmten Bundesländern verbindet, geht es hier einfach nur darum, sympathischen Menschen über die Schulter zu schauen und wie in einer Peepshow kleine Einblicke in ihr Leben zu erhalten. Geschichten vom Alltag und Berufen gehören dazu, wie kleine Anekdoten und Persönliches.

Während die Rezepte sehr unterschiedlich sind und vom »Bieramisu« über »Dibbeldabbes mit Apfelmus« oder »Grünkohl mit Kasseler und Graupen« bis hin zum Wildragout, Quittenpralinen, Saumagen-Burger, und Wokgemüse alles an Geschmäckern quer über den Globus vereinen, bleibt bei all den Geschichten die eine Komponente gleich: Weihnachten feiern Familien gemeinsam. Es ist dies eine sehr rührende Botschaft, die Sonja Buchhop vermittelt. Wie schön es ist, Zeit miteinander zu verbringen.

Kulinarische Peepshow

Kulinarische Weihnachtsreise. Festtage in heimischen Länderküchen vereint also viele Aspekte in sich, was das Buch zu einem sehr netten Geschenk für liebe Menschen macht. Der eine oder andere findet vielleicht ein neues Lieblingsrezept, viele werden beschliessen, die eigenen Traditionen mehr zu genießen und manch einer wird sich gewiss wie ich selbst freuen, in einem Land leben zu dürfen, in dem so viele unterschiedliche Geschichten beheimatet sein können. Wer gerne nachkochen möchte, trifft auf erprobte Rezepte aus dem Leben der Anderen, die immer nachkochbar sind. Dadurch, dass jeder Gastgeber eine Menüfolge zusammengestellt hat, passen immer alle Gerichte zusammen, niemand muss überlegen, was vorher und nachher kommen sollte. Es weihnachtet!

Titelangaben:

Sonja Buchhop: Kulinarische Weihnachtsreise. Festtage in heimischen Länderküchen.

Clenze: Edition Limosa, 2017. 160 Seiten. 29,90 EUR.

Kunst und Handwerk, Upcycling

Unikate, Upcycling, Handarbeit, Kunsthandwerk, Schmuck

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Merja Ojanperä: Bezaubernde Wollsocken. Mit Liebe Gestrickt.

Zeigt her Eure Füße!

Die Finnin Merja Ojanperä teilt mit mir eine Leidenschaft: gestrickte Socken. Nur dass ich mit meinen schnöden Fußbedeckungen bei ihr nicht weit kommen werde. Wer Lust auf echte schicke Strümpfe hat, der sehe, was hier anrollt. In Bezaubernde Wollsocken. Mit Liebe Gestrickt kommen endlich mal unsere geplagten, winterkalten Füße dann zur Geltung, wenn sie es richtig verdient haben. Lasst uns unsere Beine mit wunderschönen Strümpfen verwöhnen!

Es geht einem das Herz auf, wenn man liest, aus welch langer Handarbeitstradition Merja Ojanperä schöpfen darf. Die ganze weibliche Linie hing sozusagen an den Nadeln. Kein Wunder, dass extravagante Strümpfe für die gelernte Schneiderin und Brautmodendesignerin nur der letzte, konsequente Schritt waren. Und wie wundervoll, dass sie von ihrer Geschichte nur das Notwendigste teilt, um mich dann mit ihren schönen Entwürfen zu überhäufen.

Strümpe aus dem Märchenland

Ojanperäs Strümpfe tragen Namen wie Adalmina, Elina, Veilchen, Illusia, Eismeerhexe oder Schmetterling und damit ist sofort klar, dass alle, die sich auf schwarz und grau und klares Design versteifen, ein anderes Buch brauchen. Hier wird geschwelgt. Die Muster sind alle derart aufwändig, dass sie über mindestens vier Seiten beschrieben sind, aufgelockert durch wunderschöne Bilder.

Wer also genug hat von glatt rechts mellierten Socken und keine Angst vor Ajourmustern und Farbwechseln hat, wird sich zwischen all den Spitzen- und Fair- Isle-Mustern bestimmt wohl fühlen. Die meisten Strümpe sind mit Nadeln der Stärke 3 oder 3,5mm gestrickt und damit mit etwas dickeren Nadeln als ich gewohnt bin. Das verspricht ein relativ schnelles Ende und warme Beine!

Nur eine Frage der Zeit

Alles, was mich hindert, sofort zu beginnen, ist erstens, dass ich anderes Garn in größeren Mengen brauche und zweitens, dass ich mehr Zeit zum Stricken brauche und drittens Abnehmer. Denn leider kratzt mich alles, was Wolle ist, auf purer Haut und ich scheue etwas den Kontakt mit Kniestrümpfen. Allerdings, über eine Legging geht alles und ich werde sicher eine Möglichkeit finden, solche Preziosen zu tragen.

Natürlich sind die Schuhgrößen bei den Entwürfen festgelegt, eine versierte Strickerin stört das bestimmt nicht. Sogar ein paar Männerstrümpfe habe ich gefunden, wobei hier ja Trachtenstrümpfe unübertroffen sind. Wichtig sind natürlich die Abnahmen am Schaft und hier liegt der Has‘ im Pfeffer – denn je nach dem Umfang derselben würde sich das Muster verändern. Weil Ojanperä schlau ist, wählt sie ihren Mustermix so, dass eine Abnahme dann immer geschickt möglich ist und man keine Rechnerei innerhalb des Musters hat. An die Nadeln, sage ich nur!

Titelangaben:

Merja Ojanperä: Bezaubernde Wollsocken. Mit Liebe Gestrickt.

Aus dem Finnischen von Varpu Vuorjoki.

Münster: LV – Buch, 2017. 120 Seiten. 16 EUR.

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Orhan Pamuk: Diese Fremdheit in mir.

Geheimnisvolle Blicke

Wenn Orhan Pamuk in Diese Fremdheit in mir wehmütig auf den Wandel Istanbuls von einer orientalischen Großstadt zu einer modernen Metropole blickt, dann verbinden sich orientalische Erzählkunst mit dem Blick eines kritischen westlichen Soziologen. Metaphern aus tausendundeiner Nacht bilden einen Teppich des Geheimnisvollen, auf dem ein Mann die falsche Frau wählt, um die Richtige zu lieben. Ohne erhobenen Zeigefinger und ohne Urteil lebt der Protagonist Mevlut seine eigene Version eines starken Wanja, um im Wandel der Zeiten zu bestehen. VIOLA STOCKER begab sich auf eine Reise.

Die Grundsituation der Familie Mevluts ist einfach. In einer Zeit, in der die ganze Türkei sich ändert, beharrt der Vater auf Tradition. Während Onkel und Cousins die Relevanz der Schulbildung und modernen Unternehmertums erkennen, verkauft Mevluts Vater Joghurt und Boza auf den Straßen Istanbuls und reicht den Verdienst an die arme Familie in Anatolien weiter. Durch sein störrisches und streitbares Wesen verscherzt er es sich mit seinem Bruder, der erfolgreich einen Krämerladen betreibt und so bereits den ersten Schritt zum sozialen Aufstieg gemacht hat.

Komplexes Sittenbild

Während also die Situation des Clans von Anfang an klar aufgeteilt ist, empfindet man ausgerechnet mit der tölpenhaften, rückwärtsgewandten Familie Mevluts Mitleid. Mevlut wächst als glücklicher Junge auf dem Land heran und über die Entscheidung seiner Familie, ihn nach Istanbul auf die Schule und zum Arbeiten zu schicken, ist er mehr als betrübt. Obwohl er ein begabter Schüler ist, verkennt er die Bedeutung von Bildung und verlässt die Schule ohne Abschluss.

Mevlut folgt seinem Vater als Boza- und Joghurtverkäufer und stellt sich sogar geschickt an. Als Jugendlicher in Istanbul lernt er aber auch politische Subkulturen kennen, sein kurdischer Freund Ferhat ist Kommunist und Mevlut fühlt sich zwischen den progressiven kurdischen Kämpfern und der nationalistischen Miliz seiner Cousins Süleyman und Korkut hin und hergerissen. Sein Vater hat sich mit seinem Bruder und Onkel wegen eines Grundstücks zerstritten, Mevlut verzweifelt in seiner Harmoniebedürftigkeit an den Unstimmigkeiten des Clans.

Vom Erhalt der Unschuld

Orhan Pamuk gelingt es, in Mevlut einen Protagonisten zu kreieren, der in einer bewegten Zeit seine Unschuld bewahren kann. Mevlut ist ein passiver Held, einer, der erträgt. Während Ferhat oder Korkut und Süleyman politische oder persönliche Intrigen spinnen, gerät Mevlut zwischen die Fronten, wird geschlagen und verspottet, nur, um Abends auf Istanbuls Straßen stoisch seinen Joghurt zu verkaufen. Er ist ein Einfaltspinsel, ein türkischer Don Quichote, den man genau deshalb einfach mögen muss.

Natürlich verliebt sich Mevlut auf der Hochzeit seines Cousins Korkut mit der hübschen Vediha in eine der beiden Schwestern Vedihas. Ihm haben es die Augen der Schönen angetan, ihre Blicke verfolgen ihn von nun an. Mevlut ist Samiha verfallen, der jüngsten Tochter des Joghurtverkäufers Abdurrahman, die jedoch noch nicht im heiratsfähigen Alter ist. Auch Süleyman verehrt die Jüngste und betrügt kurzerhand Mevlut. Der Name der Schönen sei Rayiha, sagt er Mevlut, die zweitälteste der Schwestern. Pamuk spielt hier gekonnt mit der orientalischen Tradition des Verschleierns, für Mevlut scheint es ganz unmöglich herauszufinden, ob diese Augen nun Rayiha oder Samiha gehören.

Briefe aus dem Orient

Mevlut ist aber nicht nur Opfer. Er selbst schummelt sich durch sein Leben, immer den Weg des geringsten Widerstandes wählend. Ferhat wirft ihm Beliebigkeit vor und kann sich doch dem Charme Mevluts nicht entziehen, der ihn bittet, für ihn Liebesbriefe an Rayiha zu verfassen. Als er zum Militärdienst eingezogen wird, sind diese Briefe an Rayiha das einzige, was ihn aufrechterhält. Zurück in Istanbul entführt er Rayiha mit Hilfe Süleymans und bemerkt noch während der Flucht, dass der die falsche Braut nach Hause geführt hat, während Rayiha später daran fast zerbricht, zu wissen, dass Mevlut diese Briefe an eine andere addressiert hatte.

Auf anrührende Weise ist es ausgerechnet Mevlut, der am Ende unbeschadet in der Metropole überlebt. Er nimmt sein Schicksal an und liebt Rayiha hingebungsvoll, während seine Cousins Reichtümer häufen und unglücklich werden. Alle ausgeklügelten Lebensentwürfe nützen der Sippe nichts und die wenigen Entscheidungen von Mevluts Mitmenschen bedeuten ihren Tod. Rayiha gebiert Mevlut zwei Töchter, die er ebenso abgöttisch liebt wie seine Frau. Als Rayiha zum dritten Mal schwanger wird, stirbt sie an den Folgen eines Abtreibungsversuchs. Ferhat, der sein Schicksal ebenfalls nicht annehmen will, entführt die schöne Samiha, verliebt sich dann aber in eine Unbekannte und wird im Istanbuler Kleinkriminellenmilieu erschossen.

Keine Antworten, nur Entfremdung

Mevlut versteht die Welt um ihn herum nicht mehr, er wird in seiner eigenen Stadt, seiner eigenen Familie ein Fremder. Dennoch bleibt er bei sich, ein stiller Beobachter und man versteht längst, dass die dunklen, geheimisvollen Blicke der schönen Samiha nur das Echo seiner eigenen einfältigen Sicht sind. Auf seine Art befreit er seine Töchter, die er frei wählen lässt in Beruf und Liebe, um am Ende doch noch die verwitwete Samiha zu heiraten und aus seiner Armut heraus in ein schönes, neues Haus am Stadtrand zu ziehen, während seine Cousins sich erst spät mit der eigenen Mittelmäßigkeit abfinden. Kein Bildungsroman, keine Entwicklung eines Helden, denn Mevlut bleibt sich treu. Doch ein facettenreiches Bild einer traditionellen Gesellschaft, die in einem tiefen Wandel begriffen ist und in der Mevlut sinnbildlich steht für jene, die sich schwer tun mit dem Wechsel der Zeiten und doch überleben müssen.

Titelangaben:

Orhan Pamuk: Diese Fremdheit in mir.

Aus dem Türkischen von Gerhard Meier.

München: Carl Hanser Verlag 2016. 592 Seiten. 14 EUR.

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Mary Karlin: Das große Buch vom Fermentieren. Grundlagen, Anleitungen und 100 Rezepte.

Aus Liebe zum Essen

Tatsächlich war mir nicht bewusst, wieviele fermentierte Lebensmittel ich in der Woche zu mir nehme. Der passionierten Köchin und Autorin Mary Karlin, gebührt die Ehre, mir bewusst gemacht zu haben, was da jeden Tag auf meinem Tisch landet. Das große Buch vom Fermentieren ist kleiner als man denkt, steckt aber voller Überraschungen. Und macht auch deutlich, dass man sich nun auf ein biochemisches Abenteuer einlässt.

Tendenziell fällt mir zum Thema Fermentieren nur Sauerkraut ein. Das ist nicht negativ gemeint, denn ich mag Sauerkraut wirklich. Aber damit endet auch mein Wissensstand. Tatsächlich ist Fermentieren viel mehr. Im Endeffekt ist es eine Art des kontrollierten Verwesens, so dass Lebensmittel durch bestimmte Pilze und Bakterien für eine gewisse Zeit haltbar gemacht werden, in dem ein Gärprozess in Gang gesetzt wird.

Willkommen in der Hexenküche

Mary Karlin erläutert in einem ersten Teil Grundregeln und Grundausstattung beim Fermentieren und schnell wird klar, dass man ein kleines Küchenchemielabor benötigt. Die Utensilien am besten aus Edelstahl, damit sie keine Bakterien annehmen, alles immer sauber und hygienisch, die einzelnen Produkte voneinander getrennt, damit sich die Bakterien nicht kreuzkontaminieren. Gar nicht so einfach.

Trotzdem gelingt es Karlin im Buch gut, schwierige und einfache Methoden zu zeigen, also für die unterschiedlichsten Stufen des Ehrgeizes Projekte vorzustellen. Fermentiert wird alles: Gemüse (Sauerkraut, Kimchi, Oliven…), Getreide (Sauerteig, Bier), Milch (Joghurt, Käse), Tee (Kombucha), Fleisch (Wurst, Corned Beef), Hülsenfrüchte (Sojasauce, Tofu….) und Fisch (Worcestersauce). Das Beste ist natürlich, dass am Ende mit den fermentierten Lebensmitteln auch noch gekocht wird, das erspart einem die komplizierte Suche nach Rezepten.

Alte Küchentradition neu zum Leben erweckt

In jeder Kochkultur wurde immer irgend etwas fermentiert. Ich kenne natürlich Sauerkraut und Sauerteigbrot, aber auch Joghurt, Wurst und Käse konsumiere ich. Joghurt stelle ich bereits selbst her, Käse, vor allem Frischkäse, immer wieder. In meinem Alltag funktionieren am besten schnelle Rezepte. Tendenziell gilt: Fermentieren ist nicht schnell. Ich sehe es an meinem Apfelessig. Wer also sich die Zeit nehmen kann, auf Vorrat zu produzieren, der wird hier seine reine Freude haben. Mein erster Apfelessig ist nun nach drei Monaten trinkfertig und ich freue mich jeden Tag darüber.

Gerade weil der Prozess aufwändig ist, lohnt es sich, auf gute Lebensmittel Wert zu legen. Ich fermentiere also nur, was ich selbst geerntet habe. Das macht die Auswahl leichter. Dieses Jahr gibt es Apfelessig und das Sauerkraut steht auf der To-Do Liste ganz oben. Joghurt mache ich am liebsten aus der guten Milch vom Bioladen und Käse gibt es nur als Frischkäse. Sojasauce würde mich ja sehr interessieren, aber ich habe keine Sojabohnen. Karlins Buch ist auch eines für den langen Atem. Es wird im Bücherregal stehen und immer wieder hervorgeholt werden. Toll finde ich auch ihren Ansatz, ohne Reste zu kochen. Mit Resten vom Sauerteigbrot wird also Joghurt fermentiert, Molke wird zum Saucenkochen benutzt. So bleibt nichts übrig und man ehrt damit auch die eigene Arbeit. Karlin hat mit Das große Buch vom Fermentieren einen absoluten Gegenentwurf zur aktuellen Schnelllebigkeit verfasst und wer sich den Inhalt aneignen will, wird auf jeden Fall entschleunigen müssen.

Titelangaben:

Mary Karlin: Das große Buch vom Fermentieren. Grundlagen, Anleitungen und 100 Rezepte.

Aus dem Amerikanischen von Claudia Theis-Passaro.

Aarau: AT- Verlag, 2015. 256 Seiten. 26,95 EUR.