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Eva Hauck: Carrom, Kreisel, Murmelbrücke. Kinderspiele aus aller Welt zum Selbermachen.

Es darf gespielt werden!

Spielen ist etwas Wunderbares. Erwachsene und Kinder haben seit jeher freie Zeit für das Spiel benutzt. Spielzeug, Gesellschaftsspiele, Brettspiele haben sich unabhängig voneinander quer über den Weltball entwickelt. Schön, dass Eva Hauck in Carrom, Kreisel, Murmelbrücke. Kinderspiele aus aller Welt zum Selbermachen uns diese kreative Weltreise ermöglicht, die nicht nur die Fantasie der Kinder anregt, sondern auch für uns Große eine tolle Weltkarte der Verspieltheit unserer Gattung ist.

Eva Haucks Weltreise beginnt bei der Wiege der Menschheit, in Afrika. Wir Menschen spielen gerne, miteinander, auf Instrumenten, mit Spielsachen oder Brettspielen. Einiges kennt man, manches ähnelt Bekannten und oft gräbt Hauck Spiele aus, die viele tausend Jahre alt sind und deren Regeln Forscher zu rekonstruieren versuchen. So ergibt sich ein wunderbar verspieltes Mosaik, das bei den Pharaonen beginnt.

Gute Erklärung, schöne Beispiele

Selbst sehr alte Spiele wie das ägyptische Zehn-Ringe-Spiel werden so erklärt, dass die Regeln nachvollziehbar sind. Eine Doppelseite widmet sich jeweils dem Spiel, die nächste Doppelseite zeigt, was Hauck mit ihren Versuchskindern daraus gemacht hat. Schließlich geht es darum, die Spiele immer selbst nachzubauen und zu spielen. Gut, dass die Mittel stets einfach gewählt sind und Hauck auch immer die Altersgruppen der Kinder angegeben hat, die das Spiel gebaut haben. So kann man sich gut überlegen, ob die Anforderungen an die eigenen Kinder passen.

Toll finde ich auch, wie ausgewogen Spielsachen und Brettspiele verteilt sind. Hauck hat sich sehr gründlich mit dem befasst, was Kinder und Erwachsene auf dem jeweiligen Kontinent gerne spielen und lässt für alle etwas entstehen – für die Denker und Strategen, die Stillsitzer, die Wilden und die Teamplayer. Vieles kennt man – bestimmte Arten, mit Murmeln zu spielen oder das nigerianische Spiel Draft, das unserem Damespiel gleicht. Auch selbst gemachte Kreisel sind nicht unbekannt. Hier finde ich es einfach schön, zu sehen, dass alle Kinder überall irgendwie gleich spielen.

Berühmte Spiele neu gespielt

Für uns Erwachsene ist es dagegen oft schlicht interessant, zu erfahren, woher all die bekannten Spiele stammen, die wir selbst spielen. Der Dreidel zum Beispiel, der am jüdischen Chanukka gespielt wird und ursprünglich nur als Ablenkungsmanöver beim Torastudium diente oder das berühmte Backgammon, das in der Türkei leidenschaftlich gespielt wird. Es gibt auch Spiele, die überall gespielt werden, so dass der Ursprung gar nicht mehr festgestellt werden kann, Carrom im Königreich Bhutan ist solch ein Spiel.

Die Bastelanleitungen bleiben nahe am Original und tragen doch der Tatsache Rechnung, dass am Ende mit wenig Geld – und Zeitaufwand hauptsächlich gespielt werden soll. Gerade die Brettspiele lassen sich deshalb gut in Gruppenarbeit herstellen und nachher auch entsprechend bespielen. Dagegen sind die chinesischen Flugdrachen oder Centipeden aufwändig gestaltete Liebhaberobjekte, die Zeit und Geduld erfordern, dafür aber später auch wunderschön aussehen.

Warum spielen wir

Immer wieder ergründet Hauck auch die Frage, weshalb von bestimmten Kulturen gewisse Spiele gespielt werden. Geht es, wie bei den kanadischen Inuits, nicht auch um Jagdgeschicklichkeit? Oder wie bei Temari um eine Meditationspraxis chinesischer Mönche, die unserem Fußball verblüffend gleicht? Oder bieten sie, wie bei Moksha Patamu aus Indien, religiöse Erklärungskonstrukte? Die Geschichte jedes einzelnen Spiels ist faszinierend und verändert sicher unseren Blick auf das Spiel, wenn wir es letztendlich selbst spielen.

Rituelle Spiele, die dem Gedächtnis dienen, werden auch in Australien gespielt, wo es für Aborigenes wichtig ist, im Outback über jede Wasserstelle Bescheid zu wissen. Doch Spaß muss immer sein, sonst gäbe es nicht Bora Boras, die singenden Schwirrhölzer, die bei Riten und Erzählungen eine tragende Rolle spielen. Fast erblasst man vor Neid, darf man mit Eva Hauck quer durch die Welt reisen und von diesem unglaublichen Spielereichtum erfahren.

Neues vom alten Kontinent

Besonders berührend ist es, wenn Eva Hauck schließlich auch den europäischen Kontinent besucht und natürlich viele Spiele wiederentdeckt, die längst in Vergessenheit geraten sind. Das isländische Halatafl zum Beispiel ist ein Strategiespiel der Wikinger, vergleichbar mit Schach. Oder das finnische Kyykkä, ein Wurfspiel fürs Freie. Aus Deutschland stammt Poch, ein Vorfahr des Pokerspiels, von Hans Sachs überliefert. All diese uralten vergessenen Spiele nachzubauen und zu spielen ist etwas ganz Besonderes.

Quer durch Europa findet Hauck Spielideen, die für Kinder ab 5 Jahren geeignet sind. Selbst die griechische Antike wird nicht vergessen. Schön, wenn es dann zum Schluss von der ganz alten in die neue Welt geht, von der wir schon viel übernommen haben und wo sich christliche und heidnische Bräuche auf besonders kreative Weise vermischt haben. Pinatas sind selbst bei uns bekannt und beliebt und Patolli, das Spiel der Maya und Azteken, konnte mittlerweile fast rekonstruiert werden. Wunderschön auch die Kotomisipuppen aus Suriname, die von versklavten Westafrikanern in einer typischen Tracht hergestellt wurden und die oft traurigen Verquickungen der Völker besonders gut zeigen. Für Kinder wie Erwachsene ist es bereichernd zu sehen, wie nahe sich eigentlich die Menschen überall auf dem Globus sind. Dies gerade durchs Spiel zu erfassen, ist ein glücklicher Schachzug, für den man Eva Hauck sehr dankbar sein darf!

Titelangaben:

Eva Hauck: Carrom, Kreisel, Murmelbrücke. Kinderspiele aus aller Welt zum Selbermachen.

Bern: Haupt Verlag, 2014. 240 Seiten. 24,90 EUR.

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