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Roswitha Paetel: Pulp-Art. Gestalten mit Papiermaché

Alte Kunst neu belebt

Vielen Dank an Roswitha Paetel, die mit Pulp-Art. Gestalten mit Papiermaché endlich einen stiefmütterlich behandelten Werkstoff wieder dorthin bringt, wo er hingehört: ins Atelier. Dass Papiermaché so viel mehr ist als billiges Bastelmaterial für Kinder und dennoch die Arbeit damit keine Hexerei ist, kann man in ihrem Arbeitsbildband wunderbar erfahren. Das schön gestaltete Werkelbuch aus dem Haupt Verlag ist eigentlich viel zu kostbar für die Werkbank und doch wird es bei mir dort stehen, denn es wird gepulpt!

Das besondere an Pulp-Art ist, dass eine Künstlerin dieses Buch verfasst hat. Somit ist von vornherein eines klar: hier geht es mehr um Kunst als um Basteln. Das ist ein großer Unterschied, obwohl die bald folgenden Projekte durchaus viel Dekoratives und Basteliges an sich haben. Auch das Vorwort zum Buch wurde nicht von begeisterten Kursteilnehmerinnen, sondern von einer Kunstprofessorin verfasst. Gerade im Hinblick auf die Verarbeitungsweisen sollte man sich dessen bewusst bleiben.

Von der Pike auf

Paetel legt Wert darauf, ihre Arbeitstechnik grundlegend zu erklären. Das dies nie langweilig wird, ist auch den wunderbaren Fotografien von Mechthild Wilhelmi zu verdanken. Um den Überblick zu behalten, werden auf zwei Doppelseiten Arbeitsmaterialien und Werkzeuge abgebildet und im Folgenden erklärt. Am besten aber ist, dass Paetel ihren Werkstoff am Werk erklärt. Es geht also schnell in medias res, denn zuerst werden Anhänger in Steinoptik gefertigt.

Was schnell klar ist: rasch geht hier gar nichts. Wer also mit dem Gedanken spielt, mit Pulp zu arbeiten, sollte sich eine großzügige Arbeitsfläche, Trockenflächen und viel Zeit zurecht legen. Zwar mag die Pulpmasse schnell angerührt sein, mit Kindergartenpappmaché hat sie aber nichts zu tun. Vor allem die Nachbearbeitung hat es in sich: schleifen, lackieren und wieder schleifen. Dazwischen immer die Trocknungszeiten im Auge behalten. Ganz deutlich: dieser Werkstoff ist die Verkörperung der Langsamkeit.

Papier oder Stein

Wen das nicht stört, der wird mit ausgesucht schönen Objekten belohnt. Es erfreut zudem das Auge, eine Künstlerin beim Herstellen dekorativer Gegenstände zu beobachten, weil ihre Herangehensweise noch immer die einer Künstlerin ist. Paetel lässt ihre Pulpobjekte meist in einer steinartigen Optik, die durch das graue Zeitungspapier und die Zugabe von gemahlener Kreide noch betont wird.

Wo Farben benutzt werden, unterstreichen sie die rauhe Grundform, wie bei den Schüsseln, deren Äußeres betonartig anmutet, deren Innenleben aber so vergnügt bunt leuchtet, dass man sie unbedingt nachbauen möchte. Aber Vorsicht: hinter jedem augenscheinlich einfachen Objekt steckt viel Zeit. Damit die Pulpobjekte die Farben annehmen, stellt Paetel eine Gessogrundierung aus Hasenleim selbst her, die dann erst mit Acrylfarben und Lack bearbeitet wird.

Dekoration und Nutzen

Herstellen lässt sich mit Paetels Technik vieles, von Schmuckstücken über Kerzenhalter, bis hin zu Vasen und großen Wandobjekten. Die Verfahrensweise ist stets gleich, dankbar darf man sein über die vielen klugen und kreativen Tricks, mit denen sie ihre Objekte gestaltet. Man sieht, Pulp ist Paetels Lebensaufgabe. Besonders schön werden ihre Gegenstände, wenn sie anfängt, mit amorphen Strukturen zu arbeiten. Hier sieht man, wie schön sich Pulp in eine beliebige Umgebung eingliedern lässt.

Selbst eine Wäschetonne und ein riesiger Paravent lassen sich gestalten, der Fantasie sind scheinbar keine Grenzen gesetzt. Doch keine Angst, der eigenen Begabung obliegen durchaus Schranken. Auch wenn Paetel alle ihre Rezepte und Tricks offen legt, ist klar, dass hier eine Künstlerin für Laien anbietet. Und das deprimierende Gefühl, ihr Niveau niemals erreichen zu können, bleibt. Dafür lohnt am Schluss ein Blick über den Tellerrand. Paetel stellt im Anhang nicht nur Techniken und Rezepte vor, sondern auch zeitgenössische und historische Künstler, die mit Pulp gearbeitet haben. Erst hier beginnt man, die Dimension dieses unterschätzten Werkstoffes wirklich zu erahnen.

Titelangaben:

Roswitha Paetel: Pulp-Art. Gestalten mit Papiermaché.

Bern: Haupt Verlag, 2014. 232 Seiten. 29,90 EUR.

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