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Philipp Blom: Bei Sturm am Meer.

 

Flaute in der Seele

Was geschieht, wenn eine intensiv gelebte Existenz sich mit einem Mal in Rauch auflöst und erlischt? Philipp Blom erzählt in Bei Sturm am Meer von vertanen Chancen, Lebenslügen und Sackgassen, in die sich Ben, Marketingspezialist in der Wiener Museenlandschaft, laufend hineinmanövriert. Zwischen Vätern, die keine sind und solchen, die keine werden, laviert sich der schlaffe Protagonist durch sein vergeudetes Leben. VIOLA STOCKER betrachtet ein Feuer, das in sich erstickt.

Ben kommt nach Amsterdam, um der Urnenbeisetzung seiner Mutter Marlene beizuwohnen. Die Inhaberin eines Kunstbuchhandels war nach langer Krankheit verstorben, am Grab trifft er eine für ihn unbekannte ältere Dame. Eine Begegnung, die eine Lawine an Geschehnissen auslöst, in deren Verlauf sein Leben auf den Kopf gestellt wird. Die folgenden Ereignisse protokolliert er für seinen Sohn Sascha.

Ein Leben in Unaufrichtigkeit

Philipp Blom konstruiert ein Netzwerk an Existenzen, die sich alle durch grundlegende Unaufrichtigkeit auszeichnen. Bens Brief an seinen vierjährigen Sohn, den er ihm erst in vierzig Jahren zukommen lassen will, soll als roter Faden durch die Erzählung führen und dient dem Protagonisten gleichzeitig als Rechtfertigung für das eigene Versagen. Denn das ist es.

Ben lernt seinen Vater nie kennen. Der gefeierte Hamburger Journalist ist für eine Recherche in Südamerika unterwegs und verschwindet spurlos während dortiger politischer Unruhen. In Deutschland wird er bald für tot erklärt. Bens Mutter erzählt ihrem Sohn die Geschichte des unerschrockenen Helden, an der der junge Ben selbst scheitern muss. Doch Bloms Gespinst umfasst noch mehr Personen und Schicksale.

Lebenslang verstrickt

Bens Mutter Marlene ist das Kind einer schönen, alleinerziehenden Hamburger Büroangestellten, die Zeit ihres Lebens von Ruhm und Reichtum träumt und doch einen faden Amsterdamer Privatier heiratet, um der unehelichen Tochter ein würdevolles Leben zu ermöglichen. Unmengen an Make-Up, Alkohol und eine Affäre mit dem benachbarten Künstler können Großmutter Elly nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihr Leben verpfuscht ist.

Marlene ihrerseits zeigt sich nicht in der Lage, den Anforderungen der gescheiterten Mutter zu entsprechen. Die schöne junge Frau beginnt ein Studium, das sie nie abschließt, weil sie Bens Vater Henk aus Hamburg kennenlernt, der wild und freiheitsliebend ist und der extremen Linken in Deutschland nahesteht. Sie wiederholt den Fehler ihrer Mutter, wird schwanger und heiratet Henk.

Brüche und Kollagen

Bloms Roman spielt in intellektuellen Zirkeln Hamburgs, Amsterdams und Wiens. Kollagenhaft überlagern sich oft die Eindrücke, zusammengehalten vom Brief an den Sohn, der ihn jetzt noch nicht verstehen kann. Gescheiterte Beziehungen wollen erlernt sein, scheint Blom zu sagen, denn Ben, dessen Ehe mit der distanzierten Wissenschaftlerin Xenia längst erkaltet ist, begeht den gleichen Fehler wie die Frauen seiner Familie.

Er begibt sich in ein Netz aus Lügen und verzweifelten Brüchen. Am Grab seiner Mutter lernt er Clara kennen und erfährt, dass sein Vater lebt. Alt und dement, ganz in der Nähe. Bens Welt bricht zusammen, seine Mutter hatte ihn angelogen, um ihre eigene Bitterkeit zu ersticken. Henk hatte Marlene für Clara verlassen. Seine Mutter hatte eine Festung aus Lügen errichtet, in der sie sich versteckt hatte. In einer Welt aus Illusionen war sie schließlich, ähnlich seiner Großmutter Elly, verstorben.

Es gibt kein Glück

Man wartet in diesem Roman umsonst auf den Moment, in dem der Protagonist die Lügengebilde erkennt und niederreißt. Ben entdeckt in Amsterdam ein Plakat für eine Ausstellung, auf dem er als junger Mann nackt abgebildet ist. Seine erste große Liebe, eine lokale Künstlerin, hatte es gemalt. Was für Ben einzigartig und der alleinige Zugang zur Kunst ist, entpuppt sich in der Ausstellung als nur ein Aspekt unter vielen. Ben ist nur ein Motiv, das gemalt wird, in der Galerie sind die anderen Portraits junger Männer in Schubladen verstaut, weil es ihrer zu viele gibt.

Es wäre nun der Punkt, Tabula Rasa zu machen und in Ehrlichkeit neu anzufangen. Stattdessen flüchtet Ben sich in eine neue Affäre mit der Künstlerin Rachel, sie malt ihn ein zweites Mal. Trotzdem kehrt Ben am Ende zu seinem Sohn zu zurück, mit einem Brief, den er ihm erst in vierzig Jahren geben wird, in ein Leben voller Lügen, zu einer Frau, die ihn nicht liebt, um sie vielleicht für ein Angebot aus Paris zu verlassen. Die zweite Zeichnung zeigt ihn als alternden Mann, untertitelt mit »Leichnam«.

Es stürmt nur innen

Bloms Erzählmodus bleibt lakonisch und distanziert. Bisweilen scheint die Leidenschaftslosigkeit von Bens Ehe auf den Schreibstil des Autors überzugehen. Drei Generationen einer deutschen Lüge, Flucht vor dem Selbst, wobei die sich wandelnden gesellschaftlichen Rahmenbedingen nur Kulisse auf dieser Seelenschau sind. Die aufwändig konstruierte Story um den reisenden Journalistenvater, die bühnenverliebte Großmutter, den Ruf einer Pariser Werbeagentur, wirkt manchmal etwas sehr gewollt.

Dabei geht es um persönliches Scheitern, um ein familiäres Erbe, das man nicht einfach abstreifen kann, um die Unmöglichkeit, ein Leben in Aufrichtigkeit zu führen. Werden Beziehungen nur durch Lügen am Leben gehalten? Ben ist ein Antiheld, sein Scheitern, sein stilles sich Entfernen am Schluss des Romans hinterlässt nur Fragen, keine Antworten. Es herrscht Windstille in der Liebe.

Titelangaben:

Philipp Blom: Bei Sturm am Meer.

Wien:  Verlag Zsolnay, 2016. 224 Seiten. 20 €.

 

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