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© Living in Style – The New Art Deco von Claire Bingham, erschienen bei teNeues, 2018. 224 Seiten € 50, www.teneues.com, Design © Greg Natale, Photo © Anson Smart

Claire Bingham: Living in Style. The New Art Deco.

Schwelgen in Glanz und Gloria

Wer Claire Binghams Buchtitel Living in Style. The New Art Deco nicht ordentlich liest, fühlt sich sofort in die wilden Zwanziger zurück versetzt. Es ist unglaublich, welch ein Déjà Vu Liebhaber dieser Zeit hier Seite für Seite begleitet. In einer Bilderflut eklektischer Ästhetik werden Erinnerungen an eine Zeit wach, die als eine der innovativsten und luxuriösesten überhaupt in Erinnerung bleibt. Konsequent in Architektur, Kunst, Design, Werbung und Mode empfunden, hinterließ der Art Déco Spuren, die bis in die Gegenwart reichen. Mit Binghams Hilfe darf ich sie neu entdecken.

Es ist überaus faszinierend, wie akkurat die verschiedenen Innendekorateure und Designer in dem opulenten Bildband von teNeues diese glamouröse Zeit interpretieren. Fast möchte man sich in die Vergangenheit zurückversetzt fühlen, hinge da nicht hie und da ein gerakeltes Kunstwerk an der Wand oder versteckte sich nicht manchmal eine Stereoanlage verschämt in einer Kommode. Die essentielle Botschaft der Journalistin, die bereits mehrere Interior Design Bände veröffentlicht hat, lautet: Art Déco lebt. Immer noch wie vor bald einhundert Jahren und modern wie nie.

Ästhetischer Thing– Tank auf globaler Ebene

Man darf Bingham danken, dass sie keine unnötige Worte verliert, wo doch eigentlich das Auge fassungslos auf die strukturierte Schönheit blicken darf. Dreisprachig übersetzt, ist es auch bei der großen Ausgabe kein Problem, sich durch The New Art Deco an einem entspannten Nachmittag zu lesen und den Rausch der Sinne auf sich wirken zu lassen. Mit teilnehmenden Arbeitsbeispielen quer durch Europa und in den USA wirkt die Ausgabe wie ein Think-Tank der Ästhetik.

Dabei sind die Neuinterpretationen weder puristisch noch dogmatisch. Ja, es lehnen sogar alle Innenarchitekten ein Dogma kategorisch ab. Erfrischend und unkonventionell sind daher die Interpretationen zum Maschinenzeitalter, der Stromlinienförmigkeit und vor allem zum grafischen Design. Aber konsequent im Hinblick auf Geradlinigkeit und Ästhetik. Geometrische Formen dominieren ebenso wie die Kombination aus weichen Stoffen und metallischen Gegenständen und nur wer ganz genau hinsieht, bemerkt, dass die Sessel aus den fünfziger Jahren stammen müssen und die Lampe im Glitzerlook der Achtziger gehalten ist.

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Faena Hotel Miami Beach, Photo © Nikolas Koenig

Neuinterpretation eines Lebensgefühls

Denn genau das will Bingham zeigen: Dass es möglich ist, nach all unseren Jahren der ästhetischen Kargheit, des Bauhaus und der reduzierten asiatischen Wohnraumgestaltung auch wieder ein Gefühl des Luxus‘ aufkommen zu lassen, ohne in die Ausmaße tyrannischer Oligarchenpaläste abzugleiten. Manchmal erschreckt der Wagemut, wenn er nur knapp am kitschigen Barock vorbeischrammt und schlicht zwei Säulen zuviel im Raum stehen, ansonsten aber gelingt der Spagat vor allem gut, wenn Hotels ausgestattet werden dürfen und eine Lobby in Ibiza oder in Florida in einem ungewohnten pastelligen Art Déco Stil so freundlich und unaufgeregt edel wirkt, dass man sich am liebsten sofort dort einquartieren würde.

Anders als bei vielen Architekturbildbänden, die mit Menschenleere glänzen, sieht man hier ab und an schemenhafte Gestalten durch die Fotografien huschen und man ahnt, wie betörend diese Plätze erscheinen, wenn sie mit Leben gefüllt sind. Immer wieder lässt Bingham auch die Designer zu Wort kommen, die in Kurzinterviews ihren Blick auf die Goldenen Zwanziger erläutern und Lust machen, sich selbst ein wenig mehr mit wohnlichem Luxus zu umgeben. Prinzipien der ästhetischen Gestaltung spielen dabei genauso eine Rolle, wie persönliche Vorlieben und berufliche Schwerpunkte. Dabei gelingt stets ein sehr intimer Blick auf den Menschen hinter dem Design. Wer nach der Lektüre nicht sofort sein Zuhause mit etwas mehr Opulenz ausstatten möchte, dem ist schlicht nicht zu helfen!

Titelangaben:

Claire Bingham: Living in Style. The New Art Deco.

Mit Texten in Deutsch, Englisch und Französisch.

Kempen: teNeues Media GmbH, 2018. 224 Seiten. 50 EUR.

 

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