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Thomas Kadelbach: Tombola.

Man nimmt, was man kriegt

Das Initialmoment in Thomas Kadelbachs Tombola ist der Augenblick an der Kofferausgabe am Flughafen, in dem jeder hofft, den richtigen Koffer zu erwischen. Wie in einer Lotterie, oder eben Tombola, stehen die Chancen je nach Art des Koffers gut oder schlecht. Wer, wie im Fall der vier Protagonisten, einen eher unauffälligen, schwarzen Koffer besitzt, wird es schwer haben. Vor allem, wenn man den Irrtum zu spät bemerkt.

Was tun, wenn man im Hotel den Koffer auspackt und alles ist falsch? Man möchte vielleicht einen akademischen Vortrag halten, das Paper ist wichtig, doch nicht im Koffer. Keine Klamotten, keine Unterlagen, keine Identität. Statt dessen das pure Rätsel, denn mit dem vertauschten Koffer erhält man ein anderes Leben, andere Möglichkeiten. Vielleicht sogar eine neue Identität, auf jeden Fall die Chance auf ein Abenteuer.

Geheimnis der Persönlichkeit

Wieviel bleibt vom eigenen Leben und Alltag, wenn man die Insignien seiner Identität verliert? Dieser Grundfrage geht Kadelbach nach. Marco Bianchi, Kongressteilnehmer in Belgrad, ist ohne seine Unterlagen aufgeschmissen. Der junge Mann, der sich Zeit seines Erwachsenwerdens nicht für einen Beruf entschliessen konnte und lange durch die Welt getingelt war, gerät ausgerechnet an den Koffer eines Fotografen. Der Statistiker, der sich seine Welt in Zahlen erklären muss, ist plötzlich mit den Geheimnissen des Bildes konfrontiert.

In den ersten Kapiteln werden nun die Protagonisten vorgestellt, die die Koffer getauscht haben. Neben dem Statistiker Marco Bianchi gehört dazu auch Frau Christine Casagrande, ehemalige Schweizer Botschafterin in Belgrad, die anlässlich ihres Geburtstags in Belgrad alte Freunde treffen möchte. Ihr Los ist um einiges verstörender, denn noch bevor sie den Tausch ihres Koffers bemerkt, bleibt sie im Fahrstuhl stecken. Als sie den Alarmknopf betätigt und sich bis zur Öffnung der Tür mit ihren Unterlagen beschäftigen will, sieht sie, dass ihr Koffer offensichtlich einer gewissen Jennifer Lee gehört.

Verzwirnung der Leben

Zwei weitere Menschen sind vom Koffertausch betroffen: Alex Kapsopulos, seines Zeichens Immobilienmakler und Tania, Sprachlehrerin aus Belgrad, die bereits mit Herrn Kapsopulos ein Treffen zum Austausch der Koffer an Bord des Schiffes ihres Vaters, der Lazy Days vereinbart hatte. Doch leider war Tania an den Koffer eines Künstlers geraten. Herr Kapsopulos dagegen hatte Unterlagen eines Stadtführers gefunden.

Die Lazy Days wird im Laufe des Buches zum Treffpunkt der vier Protagonisten. Die Spannung entwickelt sich aus dem Umstand, dass offenbar noch weitere Personen ihren Koffer vermissen. So wächst die Zahl der Figuren von vier auf acht um den Stadtführer, den Fotografen, den Künstler und die Schauspielerin. Hier hakt auch der Roman Kadelbachs. Denn während die vier Protagonisten ihre Koffer suchen und zumindest sich finden, scheinen die anderen vier Betroffenen ihre Koffer nicht zu vermissen, ihre Geschichte taucht im Roman allenfalls in Randbemerkungen auf.

Umtausch ausgeschlossen

So endet, was hoffnungsvoll beginnt, im Nichts. Marco hält einen katastrophalen Vortrag und beginnt, über vergessene Träume auf der Lazy Days nachzudenken. Die Botschafterin und die Sprachlehrerin freunden sich an und beschließen, das Kunstwerk des Künstlers zu vollenden, ohne jedoch selbigen dort anzutreffen. Jemand verkauft Herrn Kapsopulos‘ Immobilie höchst erfolgreich, während er selbst eine Vorliebe für Reiseleitung entdeckt und daran erinnert wird, dass die Entscheidung für seinen Beruf eine zufällige war.

Über den Fotografen ist nichts herauszufinden, Kadelbach hat ihn vielleicht auch einfach nur vergessen. Der Künstler wundert sich nicht, dass seine Skulptur fertig ist, der Stadtführer fragt nicht beim Reiseveranstalter nach, die Botschafterin beschließt, ihre Diplomatenhülle fallen zu lassen. Am Schluss beendet die Lazy Days ihre faulen Tage, wird flott gemacht und sticht in See, um zur Party eines Filmregisseurs nach Rumänien zu fahren, um dort Jennifer Lee zu treffen. Ein toller Ansatz, nämlich das Leben der Menschen als Glücksspiel mit austauschbarer Identität zu sehen, verläuft leider im Sand, weil zu viele Fragen offen bleiben und zu viele Handlungsstränge nicht fertig gedacht werden.

Titelangaben:

Thomas Kadelbach: Tombola.

Zürich: Offizin Verlag, 2017. 288 Seiten. 22 EUR.

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