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Marianne Ruoff: Löwenzahn und Löwenkraft. Das Porträt einer starken Heilpflanze.

Weck den Löwen in Dir!

Goldgelb blüht er im Frühjahr. Ich hatte noch nie sonderlich gepflegte Rasen und immer waren sie übersäht vom gelben Löwenzahn. Auch wenn all meine Nachbarn dachten, dass ich Unkraut züchte, habe ich es nicht übers Herz gebracht, ihn auszureissen. Seit ich aber Marianne Ruoffs Löwenzahn und Löwenkraft gelesen habe, bin ich davon überzeugt, dass mich der Löwenzahn deshalb so hartnäckig begleitet, weil ich ihn brauche.

Ruoff erstellt einen wunderbar genauen Steckbrief von diesem gelben Wandervogel, der sich überall auf der Welt, vom Himalaya bis in den Norden Europas, zuhause fühlt. In früheren Zeitaltern galt der Löwenzahn als mächtige Heilspflanze, im nordischen Europa war er Heimdall, dem Himmelswächter, geweiht. Von der Wurzel bis zum Samenstand ist er essbar und in vielen traditionellen Heilmethoden, wie der TCM oder schamanischen Praktiken der Ureinwohner Nordamerikas, wird er immer noch verwendet. Nur in Europa wurde er vergessen.

Unkraut vergeht nicht

Vielleicht hat das damit zu tun, dass es so viel davon bei uns gibt. Massenware kann doch nicht gut für uns sein. Stimmt nicht, so Ruoff, die analysiert, weshalb der Löwenzahn bei uns in so großer Dichte wächst. Und weshalb er trotzdem für uns so wichtig ist. In einem ersten Teil geht sie auf die Geschichte der Pflanze ein, die in Sagen und Rezepten schon viele Jahrhunderte auf dem Buckel hat. Schnell wird klar, dass der Löwenzahn ein echtes botanisches Schwergewicht ist.

Der Hauptteil des Buches bezieht sich aber auf die Heilkraft des Löwenzahns, der vor allem bei Beschwerden im Magen-Darm-Trakt, aber auch für alle anderen inneren Organe und bei Frauenleiden eingesetzt wurde. Liest man sich die einzelnen Unterpunkte durch, gewinnt man schnell den Eindruck, dass es nichts gibt, was der Löwenzahn nicht geheilt hätte. Infektionskrankheiten, Augenleiden, Bluthochdruck, Brustentzündung, Rückenschmerzen, emotionale Probleme. Gegen alles ist ein Kraut gewachsen: der Löwenzahn.

Sonnenstrahlen in Küche und Hausapotheke

Während es gerade in der TCM Prozeduren und Medikationen gibt, die nur von Fachpersonal ausgeführt werden dürfen, stellt Marianne Ruoff genügend Anwendungen für den Hausgebrauch vor. Tinkturen, Aufgüsse und Umschläge gehören in die Hausapotheke, doch Löwenzahn findet auch Verwendung als Gemüse und Salat. Tees, Spaghetti, Wurzelgemüse – auch in der Küche zeigt der Löwenzahn seine Universalität.

Im Schlusskapitel weist Ruoff auf häufige Doppelgänger des Löwenzahns hin und erwischt mich kalt – die meisten davon kannte ich nicht und hätte sie wohl vom bloßen Hinschauen her als Löwenzahn identifiziert. Die gute Nachricht ist, dass alle Doppelgänger genauso essbar sind wie das Original und ähnliche Heilkräfte besitzen. Das erleichtert die Ernte und führt zum Schlussplädoyer Ruoffs, die inständig darum bittet, den Pflanzen mit Respekt und Ehrfurcht gegenüber zu treten. Wie man erntet, so wirkt es, möchte man sagen. Ich werde es mir zu Herzen nehmen, denn ich bin ein Löwenfan vom Löwenzahn.

Titelangaben:

Marianne Ruoff: Löwenzahn und Löwenkraft. Das Porträt einer starken Heilpflanze.

Aarau: AT – Verlag, 2017. 144 Seiten, 20 EUR.

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