Buchfreude

Dieses Buch zu lesen, war wirklich eine Freude. Viel Freude am Freutag damit!

Wolfgang Korn: Nordische Mythen. Streitbare Götter, sagenhafte Stätten, tragische Helden.

Das Erbe Europas

Als ich Wolfgang Korns Nordische Mythen. Streitbare Götter, sagenhafte Stätten, tragische Helden zum ersten Mal in den Händen hielt, war mir sofort bewusst, dass ich hier ein besonderes Buch erhalten habe. Der prächtige Band, herausgegeben von der Edition Fackelträger, lockt mit edler Aufmachung, wundervollen Fotografien, schöner Grafik und einer packenden Geschichte. Woher stammt unser Mythenschatz? Wer sind wir? Wo beginnt der Norden der Menschheit?

Der Wikingerhelm auf dem Buchcover ist deshalb geradezu irreführend. Nur ein Drittel des Buches beschäftigt sich mit dem, was wir im Alltagsverständnis als »nordische Mythen« bezeichnen würden. Die religiösen Vorstellungen von Wikingern und Germanen sind nur ein Teil der Ausführungen, die Korn in diesem Buch vorstellt. Es geht um viel mehr. Thema ist die mythologische Aufarbeitung eines geografischen Bereiches. Der Norden Europas.

Entstehung nordischer Mythen

Was fasziniert uns Europäer immer wieder an den Mythen des Nordens? Die Sagenwelt der Germanen und Wikinger, Legenden von Göttern und die Relikte vorzeitlicher Architektur geben uns immer noch Rätsel auf. Korn verbindet diese mythischen Gebilde mit der Geografie des Nordens. Seine Grundthese macht sofort Sinn. Während die Götter der Römer und Griechen im freundlichen Süden Intrigen spinnen, Wein trinken und sich in herrlichen Tempeln verehren lassen, legt sich ein dunkler Schleier über die Götterwelt des Nordens.

Das raue Klima der skandinavischen Länder, die dunklen Wälder und Sümpfe Nordeuropas, die unüberwindlichen Alpen und die karge Landschaft an der Nordsee schreien gerade zu nach einer mystischen Götterwelt. Während die griechischen Götter Titanen und Monster zusammen mit ihren Halbgöttern besiegen, kämpfen nordische Götter zusammen mit Helden Seit an Seit, um doch zwangsläufig unterzugehen. Korn zeigt in einem ersten Teil, wie sehr der dunkle, nordische Mythos von der menschenfeindlichen Natur Nordeuropas geprägt ist.

Eiszeit, Steinzeit, Bronzezeit – Anfang der Mythen

Wer waren die Bewohner des Nordens, die nach der letzten Eiszeit das steinzeitliche Europa besiedelten? Welche Menschen konnten dem harten Klima trotzen? Korn verweist auf zahlreiche Hinweise, nach denen der Norden immer schon von Wanderungsbewegungen durchzogen war. In milderen Zeiten wurde bis nach Finnland hinauf gesiedelt, breiteten sich die Eismassen wieder aus, drangen die Bewohner gen Süden.

Vor allem die Neandertaler waren mit ihrer hellen Haut und dichten Körperbehaarung gut an das nordische Klima angepasst. Durch die eiweißreiche Ernährung mit Fisch und Fleisch waren sie meist deutlich größer als die Nachfahren des Homo Sapiens, der aus den Steppen Afrikas abwanderte. Sah er in den Hünen die nordischen wilden Riesen? In uns Nachkommen schlagen dank der Vermischung der beiden Spezies meist beide Seelen. Fahren wir deshalb so gerne in den Süden zum Entspannen und brauchen wir deshalb auch den kalten Norden?

Von Megalithkulturen, Kelten und der Völkerwanderung

Die faszinierenden Steindenkmäler wie Stonehenge oder die Hünengräber Norddeutschlands entstanden zwischen 3000 und 1500 v. Chr. Lange, bevor Kelten, Wikinger und Germanen sie als Kultplätze nutzen konnten. Noch immer ist wenig bekannt über die Erbauer dieser Stätten, aber dass später Kelten und Germanen dachten, dass nur Riesen solche Steine aufgestellt haben könnten, ist beim Anblick der Megalithkultstätten verständlich. Große Findlinge, von den Eismassen der letzten Eiszeit bewegt, wurden zu Kultplätzen umgewandelt.

Die bronzezeitlichen Völker nutzten dann, was da war. Am Anfang dieser Kultentwicklung stand wohl ein Sonnenkult, wie viele Naturreligionen ihn haben. Noch heute zeigt unser »Sonntag« wie wichtig in alten Kulturen die Sonne für den Fortbestand der Sippe war. Bevor Odin und Thor die Menschen beschäftigten, verehrten sie die Sonne als Spenderin von Leben, Fruchtbarkeit und Wärme.

Vermischung von Kulturen

Die Römer mit ihrem militärischen Expansionskurs schreckten vor dem zurück, was sie im rauen Norden vorfanden. Der Limes sollte das römische Reich vor den unheimlichen Gestalten schützen, die sich in den tiefen Wäldern des Nordens versteckten. Aus ihrer Hand stammen auch die ersten schriftlichen Aufzeichnungen zu Kelten, Galliern und Germanen, die allesamt schriftlose Kulturen waren. Hier werden erstmals die Götter Wodan, Donar, Balder und Loki erwähnt, die in den nordischen Mythen die Hauptrolle spielen.

Anfangs aber waren Kelten und Germanen religionslos, sie verehrten wohl eher Naturphänomene als personifizierte Gottheiten. Durch die Völkerwanderung aber vermischten sich alte und neue Kulte und jenseits des Limes war ein Trend zur Vereinheitlichung des Mythos festzustellen. Kelten, Cherusker, Sachsen, Gauten, die einzelnen Stämme hatten Kontakt miteinander und teilten nicht nur Waren, sondern auch Mythen. Nur so konnte aus Kaiser Theoderich dem Großen im Nibelungenlied Dietrich von Bern werden.

Mythenblüte und Verschriftlichung

Es ist sehr interessant zu lesen, wie unser heutiges Verständnis der nordischen Mythen entstanden ist. Korn zeigt auf, wie sich aus Naturgöttern die nordischen Götter entwickelten, welche Eigenschaften sie haben und wo die geografischen Unterschiede in der Wahrnehmung der Götter liegen. Mit der Sesshaftwerdung der Stämme und der darauffolgenden Alphabetisierung des christlichen Klerus begann die Aufzeichnung alter Mythen.

Wenn also eine Abschrift des Nibelungenliedes aus dem 12. Jhd. aufgefunden wird, geht Korn davon aus, dass die Sage zur Zeit des Aufschriebs schon viele Jahrhunderte mündlich überliefert worden war. So erklären sich auch regionale Unterschiede und Unstimmigkeiten. Natürlich begibt er sich auf die Suche nach historischen Vorbildern für die Helden wie Artus, Siegfried, Beowulf und Roland. Korn wird immer wieder fündig, aber immer auf andere Weise, als der moderne Leser erwartet hätte.

Mythen in der Moderne

Während im Hochmittelalter und in den folgenden Jahrhunderten die alten Sagen als barbarische Erzählwerke abgetan wurden, führte die Bildung der Nationalstaaten im 19. Jhd. zu einer regelrechten Renaissance der Mythen. Die Franzosen entdeckten Vercingetorix wieder, die Briten Artus und die Deutschen das Nibelungenlied. Auf welch furchtbare Weise schließlich im ersten und zweiten Weltkrieg unsere Urgroßväter die tragischen Motive der Sage interpretierten, ist bei Korn ebenso Thema wie die spätere Interpretation von Autoren wie J.R.R. Tolkien.

Immer noch fasziniert und erschreckt der Norden. Reenactmentanhänger feiern in Stonehenge die Sonnwende, Tolkiens Bücher wurden verfilmt und im heimischen Wohnzimmer lehren Wikinger das Gruseln. Gerade weil wir so wenig über unsere Vorfahren wissen, faszinieren sie uns so. Blinde Verklärung jedoch, die nicht einmal Richard Wagner wollte, kann auch die Augen verschließen vor der tödlichen Tragik der Heldenepen, die in einer Zeit verfasst wurde, in der Europa in großer Unruhe und Unsicherheit war. Grausamkeiten waren an der Tagesordnung, ein gefestigtes Staatensystem war nicht mehr vorhanden. Nehmen wir die Sagen als Lehre.

Titelangaben:

Wolfgang Korn: Nordische Mythen. Streitbare Götter, sagenhafte Stätten, tragische Helden.

Köln: Edition Fackelträger, 2016. 336 Seiten. 40 EUR.

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