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Wolf Dieter Storl: Ur-Medizin. Die wahren Ursprünge unserer Volksheilkunde.

Nachricht aus Alterde

Was Wolf Dieter Storl in Ur-Medizin. Die wahren Ursprünge unserer Volksheilkunde berichtet, liest sich wie ein Märchen aus längst vergangenen Zeiten. Für Interessierte, die abseits von Ayurveda und TCM ihre medizinischen Kenntnisse vertiefen und die Geschichte ihrer Vorfahren besser verstehen wollen, ist sein Buch ein Glücksfall. Ich hatte auf Rezepte gehofft, mit denen ich meine Hexenküche aufpeppeln kann und fand ein Universum.

Storl ist ein kluger Erzähler. Er holt seine Leser in der Gegenwart ab, beobachtet klug die Trends und Moden der Zeit. Und beginnt, zu erklären und zu widerlegen. Weshalb ist TCM für Asiaten besser als für uns, genau wie der Ayurveda für den indischen Subkontinent ein Geschenk war? Regionale Unterschiede führen zu unterschiedlichen ethnologischen Verhaltensweisen und Entwicklungen. Man muss nicht einmal ein ayurvedisches Kochbuch gelesen haben, um zu begreifen, dass dieses System für den Durchschnittsschwaben nicht anwendbar ist.

Was ist übrig geblieben?

Doch welches medizinische System, unabhängig von unserer Standardmedizin, könnte Europäern helfen? Zuerst beleuchtet Storl die Geschichte unserer Medizin, einer Geschichte von Eroberungen, Bildungsunterschieden und der oktroyierten Lehrmeinungen. Ursprünglich kommt unsere Medizin von Galen, der sie von römischen Patriziern übernahm. Selbst Hildegard von Bingen beruft sich auf die Lehre Galens. Also beinhaltet auch ihr Konzept importierte Lehrmeinungen.

Storl meint, man müsse weiter zurückblicken, in die medizinischen Systeme der Steinzeitvölker und der nachfolgenden Kelten, die aber ebenfalls bereits mit dem Orient Handel getrieben hatten. Hier beginnt eine faszinierende Reise in unsere eigene Vergangenheit, ohne Klischees und verstiegene Behauptungen, aber doch, das liest sich leicht heraus, mit sehr viel Herzblut erzählt. Beginnt man, Storls Erläuterungen der Lebensumstände der europäischen Steinzeitvölker zu folgen, ist es erstaunlich, wie gründlich er recherchiert hat.

Die Indianer und Europa

Die amerikanischen Ureinwohner sind demzufolge während der letzten Eiszeit aus der russischen Tundra über die zugefrorene Beringstraße nach Amerika ausgewandert. Wechselnde Temperaturen gegen Ende der letzten Eiszeit und unterschiedliche Dichten der Herden bewirkten immer wieder Migrationsbewegungen. Zusammen mit steinzeitlichen Funden sind also die nordamerikanischen Ureinwohner Storls Inspirationsquelle. Wie haben sie geheilt, welche Pflanzen kannten sie, welche Krankheiten hatten sie heimgesucht?

Storl auf dieser Reise zu folgen, ist unglaublich beeindruckend. Es ist, als hätte unsere Gesellschaft eine riesige Wissenslücke, die eigene Vergangenheit betreffend. Es wurde immer mit »Wort« und »Wurz« geheilt, Körper uns Seele waren eins und der Medizinmann war immer ein Schamane. Schamanisches Wissen um die Anderswelt war stets präsent und auch später im Volksmund der Germanen und Kelten allgegenwärtig. Unsere Vorfahren haben wohl ähnlich gelebt wie die amerikanischen Ureinwohner, sie kannten sogar ähnliche Pflanzen, wie die Schafgarbe und heilten damit auf ähnliche Weise ähnliche Krankheiten.

Der Weg ins Mittelalter

Mit der Sesshaftigkeit kamen die Krankheiten. Viele bakterielle Infektionen sind als Tierkrankheiten entstanden, die Nutztiere haben sie durch Genmutation auf ihre Halter übertragen. Nachdem die frühen Bauern vermehrt mit Infektionen zu kämpfen hatten, nahm auch das Wissen um die Heilpflanzen zu. Die Phänomenologie spielte dabei eine große Rolle. Gezahnte Blätter wurden für Zahnschmerzen verkocht etc. Aus dieser Zeit stammt die Volksmedizin, deren Reste wir heute noch überliefern.

Wenn Storl erzählt, bekommen Ammenmärchen einen Sinn. Wieder heilen Wort und Wurz. Die germanischen Zaubersprüche wurden im Laufe der Christianisierung umgewidmet. Heute noch pflücke ich mein Johanniskraut kurz nach Sonnenaufgang am 24. Juni. Früher war um diese Zeit Tagnachtgleiche, ein magischer Moment. Auch die Klischees von den Hexen lesen sich anders, wenn man weiß, das keltische und germanische Heilerinnen, die noch lange nach der Christianisierung praktizierten, wirklich Halluzinogene wie den Fliegenpilz zu sich nahmen, um nachts durch den Schornstein im Rauch davon zu fliegen und mit der Anderswelt Kontakt aufzunehmen.

Moderne Heiler

Noch meine Großmutter kannte viele von den Sprüchen. Pfarrer Kneipp war ihr genauso heilig wie die Kräuterfrau Maria Treben. Beide haben im Endeffekt uraltes Wissen weitergegeben und bewahrt. Wie Storl diese Lücke in unserer Geschichte schließt, ist beeindruckend. Die Rationalisierung der menschlichen Existenz schließlich führte zur Entmystifizierung der Heiler und zum Siegeszug der Schulmedizin. Jetzt suchen vermehrt Betroffene nach alternativen Heilsystemen, die Körper und Geist als Einheit betrachten und wissen nicht, dass wir vor unserer Haustüre eines haben. Wer mag, darf sich verzaubern lassen und findet zur Belohnung noch so viel Wissenswertes über die eigene Flora und Fauna heraus.

Titelangaben:

Wolf Dieter Storl: Ur-Medizin. Die wahren Ursprünge unserer Volksheilkunde.

Aarau: AT- Verlag, 2015. 300 Seiten. 24,95 EUR.

 

 

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