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Bärbel Oftring: Tatort Natur. Betrug, Mord & Täuschung im Tierreich und was dahintersteckt. 60

haarsträubende Fälle.

Mord und Totschlag

Niemand braucht einen Sonntagabendkrimi, um ins Gruseln zu kommen. Ein Blick über den Gartenzaun reicht meist schon, um einen Blick in die Abgründe des Verbrechens zu erhaschen. Diesen Eindruck erhält man jedenfalls nach der Lektüre von Bärbel Oftrings Tatort Natur. Routiniert wie immer, spannend wie nie und humorvoll wie selten gibt die Biologin Kindern einen Einblick in den Sumpf des Verbrechens der Natur.

Wenn Kinder an mörderische Tiere denken, fallen ihnen oft die gleichen, spektakulären Serientäter der Fauna ein: Tiger, Panther, Haie, Löwen und Geparden. Sie alle werden angeklagt und bewundert. Gleichzeitig wiegen sich die kleinen Leser in Sicherheit. Haie und Tiger leben weit weg, hierzulande gibt es keine verbrecherischen Tiere. Wirklich nicht? An Oftrings umfangreichen Steckbriefen sieht man schnell, wie sehr man sich in der friedlichen heimischen Natur getäuscht hat.

Täter und Beute

Oftring widmet ein ganzes Eingangskapitel der Jäger-Beute Beziehung. Zu verstehen, dass Tiere nicht aus Bosheit morden, dass sogar Fleischfresser wichtig sind für den Erhalt des ökologischen Gleichgewichts, ist vielleicht für pazifistische Kinder eine bittere Medizin. Da hilft es, Statistiken und Kurven zu sehen und zu verstehen, bevor man die einzelnen Täter genauer unter die Lupe nimmt.

Dann gilt es, sich die Missetäter genauer anzuschauen. Aha, der Ameisenbläuling ist ein schlimmer Betrüger! Was, ein Schmetterling ist ein Übeltäter? Kann gar nicht sein. Doch, denn Oftring erklärt, wie der Ameisenbläuling seine Larven in einen Ameisenbau schleust, wo sie durch Tricksen und Täuschen von den Arbeiterinnen auch noch ernährt und verwöhnt werden. Sauerei! Bläulinge stehen unter Artenschutz. Ich habe sie schon oft flattern sehen, diese Schlingel.

Überall Verbrecher

Genauer betrachtet, steckt die ganze Natur vor der Haustüre voller linker Bazillen. Ameisenlöwen, Seeteufel, Bandwürmer, Bettwanzen, Bartgeier – allen lastet der Hauch des Todes an. Bartgeier morden sogar ihre jüngeren Geschwister, um das eigene Überleben zu sichern. Bettwanzen sind elende Blutsauger, der Bienenwolf wird der Freiheitsberaubung mit Todesfolge angeklagt. Wie soll ich je wieder auf meine Obstwiese gehen, ohne mich im Sumpf des Verbrechens gefangen zu fühlen?

Der schlimmste Übeltäter ist der Floh. Im Mittelalter und der frühen Neuzeit hat der Parasit durch seine unersättliche Gier nach Blut viele Menschen mit der Rattenpest infiziert. Ihm kann man getrost einen Genozid vorwerfen. Noch nie starben so viele Menschen wie damals an der Pest. Ausgelöst durch einen tierischen Verbrecher. Natürlich gibt es auch Bagatelltaten, wie die kleptomanische Elster. Hier können natürlich kleine Detektive tätig werden und die Nester der Elstern ausfindig machen.

Böse Überraschungen

Es gibt auch einige wirklich perfide Tatprofile, allen voran das Eichhörnchen. Wer hätte gedacht, dass ein derart putziges Tierchen, das nur Nüsse knackt, ein Babymörder ist? Die Opfer, Meisenküken, wissen wahrscheinlich die Pinselohren zu fürchten. Pfui, Schande! Dass auch Spinnen und Adler zu den Topverbrechern gehören, wundert mich nicht und Spinnen mag ich sowieso nicht.

Wie beruhigend, dass Oftring zum Schluss erklärt, dass viele Opfer sich die Unverschämtheiten der Jäger nicht mehr gefallen lassen wollen. Tarnen und Täuschen, Ablenken und Bewaffnen sind nur einige der Gegenmaßnahmen der Beutetiere. Ein Gleichgewicht ergibt sich dadurch freilich noch nicht, nur ein bisschen gerechter geht es in der Tierwelt zu. Nach der Lektüre, wie immer gespickt mit Quizfragen, Experimenten und Zusatzinformationen, ist man einigermaßen geschafft, schockiert und ernüchtert. Aha, selbst Schmetterlinge und Eichhörnchen sind nicht nur niedlich. Vielen Dank, Frau Oftring, dass sie das erklärt haben!

Titelangaben:

Bärbel Oftring: Tatort Natur. Betrug, Mord & Täuschung im Tierreich und was dahintersteckt. 60

haarsträubende Fälle.

Bern: Haupt Verlag, 2015. 128 Seiten. 24.90 EUR.

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