Archiv für den Monat: Oktober 2018

Road Trip VIII- Toledo

Oh – Toledo! So hieß unser Hostel, das Oasis Toledo. Was für eine herrliche Bruchbude mit Blick über die Altstadt und den Alcazar! Wir brachen noch am Samstag Mittag von León auf und nahmen einen Passagier mit: Meinen Bruder. Er sollte uns ein paar Tage begleiten. Schon allein nach Toledo zu gelangen, war ein Abenteuer. Ohne Mautstraßen durch die La Mancha bei 45°C und weit und breit nichts. Don Quijote lässt grüßen. Echt! Er steht in Toledo überall herum. Erst, als wir durch die Stadttore den Berg hinauf fuhren, ahnten wir, dass wir mit unserem VW-Bus ein Problem bekommen könnten. Tja, im Mittelalter haben sie halt anders gebaut. Unseren Bus stellten wir in einer Garage ab und suchten unser Hostel mit Gepäck auf Schusters Rappen.

Mann, war das toll! Als wären die Ritter wieder auferstanden. Das maurische Erbe fiel uns von allen Seiten an und um einen Blick auf einen echten El Greco zu erhaschen, musste man nur ein paar Kirchentüren öffnen. Uns taten die Füße weh und doch konnten wir uns nicht satt sehen. Friederike beschloss – wen überrascht es – hier mal zu wohnen, wenn sie groß ist. Irgendwie fanden wie abends auch Tapas Bars und Restaurants und genossen unser Leben. Außerdem hab ich gefühlt den gesamten bunten Fächerbestand von Toledo aufgekauft. Wer weiß, wann ich mir wieder einmal Luft zufächeln muss? Das wäre eine wundervolle Stadt für mich….

In der Zwischenzeit darf ich eine Taufe dekorieren. Der kleine Rufus wird inmitten bunter Fischlein und Seerosen getauft. Für die Fenster hab ich tief in meine Stoffkiste gegriffen. Oder besser, in den Patchworkkorb mit bunten Quadraten. Von Seide über Vorhangstoff ist alles dabei, was hübsch ist.  Ich bin gespannt, wie der Raum aussieht, wenn ich zwei Stunden drin gewütet hab.

Ab damit zum Creadienstag, zu HoT, zu Dienstagsdinge und zu Gusta!

 

Neu Gelesen

Adam Frost: Mein supercooles Buch über mich.

Petra Mattfeldt: Multiversum. Die Rückkehr.

Was für die lieben Kleinen

Diese Woche stehen zwei Bücher auf dem Speiseplan, die zum Teil schon lange in meinen Regalen stehen. Vor allem Petra Mattfeldts Multiversum. Die Rückkehr wartet bereits eine Zeitlang, aber auch Adam Frosts Mein supercooles Buch über mich wurde skeptisch beäugt. Warum? Weil ich oft finde, dass nichts Besseres nach kommt, vor allem, wenn man über Kinder- und Jugendliteratur spricht. Fast stimmt das auch.

Beginnen wir mit Mattfeldts Multiversum. Vor langer Zeit habe ich bereits den ersten Teil verrissen, von dem ich mich erholen musste und es wird nicht wirklich besser. Tom Stafford, mittlerweile Agent beim MI6, wird wieder zurück geschickt ins Jahr 1215, um die Unterzeichnung der Magna Charta zu beeinflussen. Um es dezent auszudrücken, verstehe ich nicht, weshalb man sich für ein spannendes Buch immer viel zu komplexe Themen aussuchen muss.

Nichts stimmt

Wieder habe ich Probleme mit dem Lektorat, denn ich weiß zum Beispiel nicht, ob die ständigen Wortwiederholungen gewollt sind, oder einem beschränkten Wortschatz entstammen. Ziemlich gewagt finde ich schonmal die Tatsache, dass Mattfeldt die Protagonisten in einem Dialekt sprechen lässt, der zu dieser Zeit schon nicht mehr existierte. Schlechte Recherche ärgert mich und ist unnötig. Außerdem fällt sowieso kein Wort auf Altenglisch. Das wäre auch schwierig, denn wie Althochdeutsch ist es eine eigene Sprache.

Um den Inhalt noch verwirrender zu gestalten, wird ein weiteres Universum hinzugefügt, in dem Tom Stafford als sein eigener Widersacher derart klischeehaft auftritt, dass man nur resigniert die Schultern zucken kann. Man hätte diesen Part wundervoll ausarbeiten können, als eine Art historischer Schizophrenie, aber es bleibt bei Prügeleien und natürlich dem Sieg der Guten. Tom Staffords Mutter, Architektin und ebenfalls Zeitreisende, hat aus der mittelalterlichen Benachteiligung der Frau nichts gelernt und schiebt zu Hause Braten in den Ofen, während der Vater in ganz patriarchalischer Manier weiter macht.

Einfacher Plot

Verwirrend, aber nicht spannend. Das könnte ich zum Inhalt sagen. Sollte eine unschlüssige Stelle auftauchen, gibt es schnell zeitreisende Agenten aus beliebig vielen Universen (Multiversum), die Probleme bereiten oder lösen. Offenbar sind die Menschen in Mittelengland derart beschränkt, dass niemand bemerkt, wenn Gäste sich unschlüssig verhalten oder seltsame Dialekte sprechen. Auch über Sitten und Gebräuche erfährt man nichts, hier gäbe es doch gerade literarisches Konfliktpotential, das wunderbar unterhaltend wäre. Doch alle Ansprüche verlaufen im plappernden Nichts.

Genauso einfach ist der Plot bei Adam Frosts Mein supercooles Buch über mich. Obwohl ich also schwerste Bedenken hatte, wurde ich hier sehr positiv überrascht. Es gibt kein Thema, keinen Inhalt. Dieses Buch ist einfach nur als Gag gedacht. Und er funktioniert. Flachwitze vom Papa, alle superpeinlichen Kosenamen der Mutter, überhaupt alles unangenehme der Familie kann hier aufgetragen oder eingetragen werden.

Kluger Witz

Dabei finde ich es schlau, wie Frost mit dem Intellekt der Kinder spielt. Ich würde das Buch vor allem Grundschulkindern empfehlen, alle anderen sind zu alt dafür. Es gibt eine Seite, auf der kann man eintragen, wo der Wohnsitz ist. Erst eine Landkarte von Deutschland, dann von Europa, dann der Welt und des Universums. Wie lange kann ein Kind seinen Wohnort identifizieren? Ist das nicht nett? Ganz zu schweigen von der Peinlichkeitsskala für Eltern: Bin ich nur superpeinlich oder schon zum Schreien peinlich? Hm.

Umfragen, die keiner braucht: Wie kitzelig man ist, wieviele Fusseln im Bauchnabel grad drin sind, welche Tiere am ekligsten sind. Sofort fangen Kinder an zu kichern und zu kritzeln. Auf Autofahrten, im Urlaub, an Regentagen oder einfach so gegen Langeweile. Ich habe das Gefühl, dass mit diesem Buch viel anzufangen ist. Es ist wirklich supercool! Mein Exemplar wandert auf den Gedankenstapel für lustige Geschenke, die ein Geburtstagskind kriegen kann. Vielleicht noch in Kombination mit einem Stift?

Titelangaben:

Adam Frost: Mein supercooles Buch über mich.

Berlin: Duden Verlag, 2018. 160 Seiten. 6,99 €.

Petra Mattfeldt: Multiversum. Die Rückkehr.

München: Buntstein, 2016. 192 Seiten. 9,99€.

Road Trip VII – León

Bei all dem Trubel um mich herum komme ich kaum hinterher.  Deshalb rührt mich das Bild von Jakob so, der in einer stillen Minute sich einen Fleck fernab vom Chaos gesucht hat, um dort unter dem Baum zu spielen. So kommt es zum heutigen Titelbild.

Nicht nur die Apfelernte beschäftigt mit, auch die Schule hält mich auf Trab. Nicht nur die meiner Kinder, ich selbst drücke auch die Schulbank und bin gespannt, ob ich noch was dazu lernen kann. Mal sehen. In den wenigen Stunden zuhause versuche ich, das Chaos im Zaum zu halten.

Als wir in León waren, konnten wir unsere Familienzeit sehr genießen. Ich bin so froh, dass wir diesen unglaublichen Urlaub miteinander hatten. León sieht man an, dass es einmal die Hauptstadt des kastilischen Königreiches war. Immer noch ist es eine große Stadt, mit einer Universität und einer Musikakademie. Die Gebäude sind herrschaftlich, Skulpturen schmücken die Stadt. Hier gibt es auch die schönsten Kreisverkehre, wie meine Kinder festgestellt haben. Und die müssen es schließlich wissen. Ich liebe Kreisverkehre! Einige so sehr, dass wir gleich mehrere Runden gedreht haben….

In León waren wir zwei Nächte. Und weil ich nicht besonders eitel bin und keinen Termin beim Friseur oder zum Schminken brauchte, hatten wir mehr Zeit für die Stadt als viele andere Hochzeitsgäste. Zum Beispiel konnten wir uns die Kirche schon mal ansehen. Ist sie nicht schön mit dem goldenen Hochaltar?

In León ist es überhaupt kein Problem, wunderbar für kleines Geld Tapas essen zu gehen. Wir hatten nur Schwierigkeiten mit der Siesta, weil wir bis zum Schluss nicht geblickt haben, dass ganz León zwischen 13 und 18 Uhr die Gehsteige hoch klappt. Aber wir konnten ja üben. Die Innenstadt war wunderschön und wir waren erstmals nicht als Touristen unterwegs, sondern als Hochzeitsgäste.

Ist das Brautpaar nicht wunderschön? Ich finde, mein Bruder hat sich eine tolle Frau erwählt! Alle Kinder hatten Rot und Weiß an ihren Kleidern, als Zeichen der kastilischen Braut. Wenn Ihr die Bilder genau anseht, wisst Ihr sicher schnell, welcher Gast mir besonders gut gefallen hat! Mit meinem Abendkleid und Tuch war ich richtig underdressed, kaum zu glauben! Aber schließlich bin ich auch nicht die Hauptperson gewesen.

Es wurden Rosenblüten gestreut und Luftballons in die Freiheit entlassen. Wunderschön!

 

Abends feierten wir in einem Restaurant mit Innenhof und Brunnen. Brrr – Nachts wird es in León richtig kalt! Da half nichts, außer auf die Tanzfläche zu stürzen. Um vier Uhr früh hat mein Mann Charlotte und mich von der Musik weggezerrt. Frechheit. Meine Schwägerin hat erzählt, dass der Rest der Gäste um halb sieben zum Aufbruch gedrängt wurde. Spanische Sitten. Am meisten hat uns die Oma der Braut fasziniert, die mit 94 Jahren bis 6 Uhr früh durchgehalten hat. Respekt!

Am nächsten Tag gab es auf der Anlage noch einmal ein Familienfrühstück. So könnt Ihr alles bei Tageslicht sehen!

In der Zwischenzeit habe ich so viele Jeans zerschnitten, dass ich wieder mit einer Heißklebepistole eine Schnecke gedreht habe. Ein prima Untersetzer, der nun in den Laden wandert!

Und zum Creadienstag, zu HoT, zu Dienstagsdinge und zu Gusta!

 

 

Neu Gelesen

Julia Hofstetter: Stadtgeiss. Vom Leben mit Ziegen in der Stadt.

Michel Beauvais: Hütten, Zelte, Tipis. Mit 50 Anleitungen zum Selberbauen.

Moderne Robinsons

Eine unglaubliche Flut an Büchern äußert sich zu Selbsterfahrung, Survival, Grenzerfahrung, Naturnähe. Nicht nur für Erwachsene, auch für Kinder scheint die Natur mittlerweile ein Mysterium zu sein. Offensichtlich wollen wir zurück zu Mutter Natur. Julia Hofstetter erzählt in Stadtgeiss. Vom Leben mit Ziegen in der Stadt , wie Ziegen die Züricher Innenstadt aufpeppen, während Michel Beauvais in Hütten, Zelte, Tipis. Mit 50 Anleitungen zum Selberbauen rudimentäre Behausungen zum Bauen vorstellt.

Dass ich kein ausgesprochener Ziegenfan bin, ergibt sich aus der Tatsache, dass ich einige Obstwiesen bewirtschafte und mich schon ärgere, wenn die Rehe an den jungen Bäumen nagen. Ziegen? Nein danke! Trotzdem hat mich interessiert, was Julia Hofstetter mit den eigenwilligen Diven so anstellt. Die Biologin bewirtschaftet mit einem eigens gegründeten Verein eine Almende in der Stadt. Für Groß und Klein entsteht so eine Oase mitten in der Metropole.

Aussteiger für einen Tag

Hofstetter liebt ihre Stiefelgeissen sehr, das sieht man gleich am Buch. Die Begeisterung, mit der sie von ihren Ziegen spricht, springt schnell auf die Leser über und ehe man sich versieht, weiß man schon etwas mehr über die hörnertragenden Zeitgenossinnen. Der Stadtgeissverein besteht aus vielen engagierten Menschen, die Kindern und Erwachsenen die Möglichkeit bieten, mitten in einer Stadt etwas von ursprünglicher Natur mitzunehmen.

Der Reiz besteht sicher darin, keine Verantwortung übernehmen zu müssen. Ziegenhirt für einen Tag, welches Kind fände das nicht toll? Hofstetter kooperiert mit Kindertageseinrichtungen und Schulen, um möglichst viele Menschen eine tolle Erfahrung zu garantieren. Als offenes Angebot darf jeder, der will, kommen. Und die anderen? Im Buch wird viel über Ziegen erzählt und um die Natur herum gekocht. Das kann man sich mitnehmen und Lust auf Ziegen bekommen. Ohne zu vergessen, dass die Ziegenwiese nunmal in Zürich liegt.

Waldläufer

Was, wenn beim Wandern plötzlich die Nacht hereinbricht und im Wald geschlafen werden muss? Für diese absolut unwahrscheinlichen Fall hilft Michel Beauvais weiter. Sein Hütten, Zelte, Tipis. Mit 50 Anleitungen zum Selberbauen stellt verschiedene Möglichkeiten vor, mit natürlichen Materialien und ohne viel Hilfe alles vom Unterstand bis zum Gartenhaus zu bauen. Meist braucht man dafür nicht mehr als ein Taschenmesser und eine Schnur.

Beauvais steht in unübersehbarer Nähe zum angesagten Survivaltraining. Offensichtlich hat er sich von alten Kulturtechniken inspirieren lassen. Laubhütten, Baumhäuser, Felsunterstände, Rundhütten, Iglus. Alles, was irgendeine Kultur als Unterschlupf genutzt hatte, wird ausführlich erklärt und nachgebaut. Echte Waldläufer werden also einen Schatz heben. Doch selbst Eltern, die einfach mit ihren Kindern einen vergnüglichen Tag erleben wollen, werden bedient.

Kindertaugliches Survivaltraining

Bohnen- oder Weidentipis für den Garten kennen viele. Doch selten habe ich eine derart detaillierte Bauanleitung gefunden, die noch dazu – zur Freude aller Mathematiker – auf eine verallgemeinerbare Formel frei nach Pythagoras reduziert wurde. Wer mag, findet auf den letzten Seiten sogar noch Bauanleitungen für die Möblierung seines Unterschlupfes. Steinzeitliche Künste stellen dabei uns moderne Stadtmenschen vor große Herausforderungen. Schön, zu sehen, was wir schon wieder verlernt haben.

Beide Bücher widmen sich der wilden Seite nicht nur der Natur, sondern vor allem des Menschen. Wie kommt es, dass wir so sehr vergessen haben, woher wir kommen und wovon wir ein Teil sind? Hofstetter und Beauvais erinnern uns an alte Wurzeln, die viele längst begraben wollten. Wer mag, lässt sich anstecken und wird ein bisschen wilder.

Titelangaben:

Julia Hofstetter: Stadtgeiss. Vom Leben mit Ziegen in der Stadt.

Aarau: AT-Verlag, 2017. 128 Seiten. 25 €.

Michel Beauvais: Hütten, Zelte, Tipis. Mit 50 Anleitungen zum Selberbauen.

Aus dem Französischen von Sybille Segovia.

Aarau: AT-Verlag, 2016. 192 Seiten. 19,95 €.